EINE KETTE VON NUR SECHS MENSCHEN TRENNT JEDEN VON UNS VON JEDEM ANDEREN BEWOHNER DER ERDE. EIN EXPERIMENT MIT DER „SMALL WORLD“-THEORIE.
Der Tod von Marlon Brando ging dem Falafel-Verkäufer Salah ben Ghaly in Berlin ganz besonders nahe. Er hatte an der Kunstakademie studiert und Brando immer bewundert: „Er spielte sich selbst, und das ist wahnsinnig schwer.“ Der Exil-Iraker und der Hollywood-Star haben sich zwar nie persönlich kennengelernt, aber dennoch sind sie sich sehr nahegekommen. Wie? Durch ein Experiment der Wochenzeitung „Die Zeit“. Sie wollte beweisen, dass sich die Erdenbürger viel näherstehen, als sie denken, und knüpfte einen Draht der besonderen Art zwischen ben Ghaly und Marlon Brando. Sie sollten über eine Kette von nur sechs Freunden und Bekannten miteinander verbunden werden. Ein Zeitlimit von wenigen Wochen sorgte für zusätzliche Spannung.
NETZWERKE FUNKTIONIEREN NACH REGELN
Das Spiel fand vor wissenschaftlichem Hintergrund statt. Auf das „Kleine-Welt“-Phänomen hatte erstmals der Entwicklungspsychologe Stanley Milgram aufmerksam gemacht. Er untersuchte 1967 menschliche Netze und stellte fest, dass einzelne Mitglieder von Cliquen und Freundeskreisen stärker als andere miteinander verbunden sind (was zu erwarten war) und dass sich die Muster der inhomogenen Vernetzung in völlig verschiedenen Gruppen ähneln (was eine große Überraschung war).
Seit Ende der 1990er Jahre richtet sich die Aufmerksamkeit erneut auf das „Small World“-Phänomen. Der Soziologe Duncan Watts und der Mathematiker Steven Strogatz nahmen die Struktur unterschiedlichster Netze unter die Lupe, allerdings – dreißig Jahre nach Milgram – ausgerüstet mit leistungsfähigen Computern für Modellierungen. Untersucht wurden das Nervenzellengeflecht des Wurms Caenorhabditis elegans, das Kraftwerksnetz in den westlichen Staaten der USA sowie die Verbindungen von Schauspielern, die zusammen in Filmen auftreten. Der Befund: In allen drei Fällen handelte es sich um „Kleine Welten“. Jeder Knoten war mit jedem über nur wenige Umschaltstationen verbunden. Außerdem herrschten – statt zufälliger Verknüpfung – bestimmte Regeln, die in allen drei Netzen zu ähnlichen Mustern führten. Die beiden Wissenschaftler gerieten in Aufregung: Waren sie auf ein allgemeingültiges Gesetz komplexer Systeme gestoßen? Gleichzeitig wurde ihnen klar, dass ihre Ergebnisse möglicherweise von wirtschaftlichem Nutzen sind, etwa wenn es darum geht, die Verschaltungen verschiedenster Netze effizienter zu gestalten.
VON BERLIN NACH BEVERLY HILLS
Zunächst aber inspiriert ihre Studie „Die Zeit“ zu ihrem Versuch: Berlin – Beverly Hills in Sieben-Meilen-Schritten. Welches könnte der erste Schritt in Richtung Marlon Brando sein? Der Falafel-Verkäufer Salah ben Ghaly schlägt seinen Freund Assad Al-Hashimi vor, der in Kalifornien lebt. Damit nutzt ben Ghaly unbewusst eine Eigenart von Netzen: Sie verfügen neben vielen kurzen Strängen über eine kleine Zahl von Fernverbindungen. Der Sprung über den Großen Teich gelingt: Der Freund springt sofort auf das Projekt an. Als Buddhist erblickt er in der Idee von der Vernetzung aller Menschen sogar etwas Spirituelles: „Ich glaube, dass alle Lebewesen miteinander verbunden sind.“ Er (Knoten 2) nennt als nächsten (Knoten 3) einen Kollegen, den er aus dem firmeneigenen Fitnessraum kennt. Dessen Freundin Michelle (Knoten 4) studierte zusammen mit Christine Kutzer (Knoten 5), die einerseits Hausfrau und Mutter, andererseits Tochter einer Hollywood-Größe ist; sie unterhält demnach Verbindungen sowohl zu „Normalos“ als auch zu Stars – eine ideale Umschaltstelle Richtung Brando. Die Suche nach dem „Missing Link“ verfolgen mittlerweile auch andere Blätter. „Newsweek“ und „Time Magazine“ berichten. Zeitungsleser helfen mit Tipps und Namen, welche Freunde, Bekannten oder Arbeitskollegen die Kette weiterführen könnten. Aussichtsreichster Kandidat scheint ein Bekannter von Christine Kutzer zu sein, Patrick Palmer, ein Großer im Filmgeschäft. Er hatte „Don Juan de Marco“ mit Marlon Brando produziert. Aber haben die beiden auch Kontakt? Es meldet sich immer nur der Anrufbeantworter. Palmer ist verreist. Die Zeit läuft.
So schnell schrumpft die Welt. Wenn jeder Mensch hundert Leute kennt (die wieder jeweils hundert andere kennen), dann reichen tatsächlich sechs Zwischenstationen aus, um alle Erdenbürger miteinander zu vernetzen. Jeder von uns hat das schon mal in der Praxis getestet. Wir befinden uns weit weg von zu Hause, sagen wir: auf Gorillaexkursion in Ruanda, treffen Landsleute – und schon beginnt die Suche nach gemeinsamen Bekannten: „Kennen Sie eigentlich … ?“ Wer das Spiel lange genug spielt, findet garantiert eine Verbindungsperson. Hier der Trost für alle von der Globalisierungsfurcht Befallenen: Ein Geflecht von Freundschaften überzieht den Planeten. Es gibt eine Art Internet emotionaler Verbindungen, und es existierte schon, lange bevor Modems erfunden wurden. Gefühle statt Glasfasern umspannen den Globus.
ORDNUNG MUSS SEIN
Aber nicht deshalb wird das „Small World“-Phänomen intensiv erforscht. Früher hatte man gedacht, Netze verknüpften sich ausschließlich nach dem Zufallsprinzip, solange die Teilnehmer die Freiheit besäßen, ihre „Links“ so zu legen, wie sie möchten. Doch alle bisher untersuchten Netze erschufen in Selbstorganisation eine bestimmte Ordnung. Einige wenige Knoten sind mit sehr vielen Strängen, die meisten Knoten aber mit wenigen verbunden. Merkwürdigerweise zeigt sich dieses Muster, egal ob es sich um Flugliniennetze handelt oder um das Geflecht von Zitaten, mit denen eine wissenschaftliche Arbeit auf andere hinweist. Einige Flughäfen unterhalten weit mehr Flugverbindungen als andere; einige Darsteller haben in vielen Filmen mitgespielt und kennen deshalb mehr Kollegen als beispielsweise Nachwuchsschauspieler; einige Server im Internet wickeln weit mehr Datenverkehr ab als der Rest. Ricard Solé, Biologe an der Universität von Barcelona, entdeckte bei der Untersuchung ganz unterschiedlicher Biotope (ein See, ein Wald, ein Ästuar), dass auch sie frappierende Ähnlichkeiten in der Vernetzung aufwiesen. In Ökosystemen sind einige Tier- und Pflanzenarten mit sehr viel mehr anderen verbunden als der Rest, sie fungieren offensichtlich als Schlüsselspezies. Solé ist der Meinung: „Offenbar gibt es in der Natur einige universelle Organisationsprinzipien. Wenn wir sie herausarbeiten, bringt uns das vielleicht eines Tages zu einer allgemeinen Theorie komplexer Systeme.“
DIGITALES ÖKOSYSTEM
Das Internet wächst ganz ähnlich wie ein Ökosystem. Vor den Usern breitet sich ein wuchernder Dschungel aus, mit digitalem Dickicht und Lichtungen, mit Trampelpfaden und Datenautobahnen, mit übersichtlichen Portalen und verzweigten Routen. Jeder kann einen weiteren Baum hineinpflanzen, und jeder Pflanzer ist frei, eigene Wege durch das Dickicht anzulegen. Es gibt keine Instanz auf der Welt, die Anweisungen herausgibt, wie die mehr als 125 Milliarden Webseiten per Links und Hypertext miteinander zu verbinden seien. Und doch kristallisiert sich, wie im echten Wald, jene typische Struktur der „Small Worlds“ heraus, in der nur wenige Seiten und Server eine Schlüsselrolle spielen. Im Cyberspace reichen maximal neunzehn Klicks, um von jedem beliebigen Ort zu jedem anderen zu reisen. Dass mehr Schritte erforderlich sind als in menschlichen Netzen, ist auf eine simple Tatsache zurückzuführen: Internet-Seiten haben durchschnittlich nur sieben Links, während es ziemlich traurig wäre, wenn jeder von uns nur mit sieben Leuten in Kontakt stünde.
DER NUTZEN DER NETZGEOGRAFIE
Der Vorteil der selbstorganisierten, inhomogenen Struktur: Sie stärkt die Stabilität des Internet. Ausfälle treffen mit großer Wahrscheinlichkeit einen der weniger wichtigen Knoten. Das System als Ganzes zuckt nicht einmal. Ein Ökosystem verkraftet das Aussterben einzelner Pflanzen und Tiere, das Gehirn das Absterben von durchschnittlich tausend Neuronen am Tag, das Internet lokale Serverausfälle. Die systemeigene Robustheit kann jedoch nur Fehler und Versagen abfedern, die „schicksalhaft“ mal diesen, mal jenen Knoten treffen. Anders sieht die Sache aus, wenn ein Netz gezielt attackiert wird. Kennt jemand die Lage der vielfach verbundenen Schaltstellen, die Achillesfersen des Netzes, kann er es empfindlich treffen. Es mehren sich die Warnungen von Experten, die befürchten, Angriffe von Crackern oder Cyberterroristen auf bestimmte „Backbone Server“ könnten das WWW lahmlegen. Auf der Basis der „Small World“-Theorie ließen sich Schwachstellen orten, könnte man Umleitungen und Reserverouten vorschlagen.
Neben solchen Sicherheitsanalysen gibt es noch weitere praktische Möglichkeiten, Netzgeografie zu nutzen:
// Suchmaschinen / Eine genaue Kartierung der „Kleinen Welten“ liefert Hinweise auf „Abkürzungen“, etwa als Orientierung bei Recherchen in den weltweiten Datennetzen. Die Vision lautet, Suchmaschinen so intelligent zu machen, dass sie den Benutzer mit möglichst wenigen Klicks zur gesuchten Informationsquelle führen.
// Seuchenbekämpfung / Das Interesse von Epidemiologen konzentriert sich auf jene Menschen, die einen besonders großen Kreis von Freunden, Bekannten und Kollegen und damit täglich zahlreiche Kontakte haben. Sie sind Knoten, über die sich möglicherweise Infektionskrankheiten besonders schnell ausbreiten können. Dabei ist eine Kombination der Faktoren „ansteckend“ und zusätzlich „mobil“ besonders gefährlich, das zeigen auch Epidemien wie BSE und Maul- und Klauenseuche.
// Marketing / In den USA stellte sich heraus, dass Mundzu-Mund-Propaganda einer der wichtigsten Kanäle ist, über die ein Buch bekannt und eventuell zum Bestseller gemacht wird. Die Suchaufgabe lautet auch hier: Finde die Hochvernetzten und begeistere sie!
// Naturschutz / In den „Kleinen Welten“ der Ökosysteme spielen einige Spezies eine Schlüsselrolle. Von ihnen hängen sehr viele andere ab. Das sind allerdings meist nicht, wie man meinen könnte, die großen, charismatischen Tierarten, Lieblinge des Publikums wie Löwe, Elefant oder Gorilla, sondern eher kleine, unscheinbare Arten. Krill beispielsweise ist eine tragende Säule maritimer Ökosysteme: Ohne Krill keine Wale, Robben, Pinguine. Angesichts bedrohter Lebensräume und chronisch knapper Gelder könnten „Small World“-Analysen helfen, Schutzbemühungen auf Schlüsselspezies zu konzentrieren.
Netze verkleinern die Welt allerdings nur für die Vernetzten. Der Abstand zwischen zwei Punkten schrumpft, sobald sie verbunden sind, ob durch eine Straße, eine Telefonleitung oder Freundschaftsbande. Umgekehrt ändert sich die Geografie für alle nicht Angeschlossenen. Je mehr Teilnehmer sich in einem Netz versammeln, desto größer sind die Isolation und die Nachteile für alle, die draußen bleiben. Wenn es nur zehn Faxgeräte in Deutschland gäbe, machte es wenig, wenn ich keines hätte – bei zehn Millionen sieht die Sache anders aus. Man erwartet von mir, angeschlossen zu sein. Das erklärt den Sog, den Netze ausüben. Durch sie schrumpfen Zeit und Raum. Das spaltet Kulturpessimisten und Cyberutopisten. Die einen fürchten, durch Vernetzung ständig mit Fremdem und Unwägbarem konfrontiert zu werden. Die anderen arbeiten an einer radikalen Neudefinition von Nähe, die sich nicht mehr nach physischer Nachbarschaft, sondern nach emotionaler Zugehörigkeit bemisst. Erstere leiden an Überforderungsangst, für Letztere wird Marlon Brando zu einem Erdenbürger, der nur sechs Kumpel entfernt in Los Angeles lebt.
EIN ANSCHLUSS UNTER DIESER VERBINDUNG
Knoten Nr. 6 musste allerdings erst noch gefunden werden. Patrick Palmer, das „Missing Link“ in der Kette vom Falafel-Verkäufer zum Filmstar, rief wochenlang nicht zurück. Die Leser wurden genauso nervös wie die Redakteure. Eine Frauenzeitschrift regte an: Vergesst Brando, wie wär’s mit Brad Pitt? Eine Reihe von Vorschlägen traf ein, eine neue Kette zu konstruieren; eine davon, die über einen Anwalt in der Filmbranche geführt hätte, wurde getestet, endete aber in der Sackgasse. Gott sei Dank sagt die Regel „Sechs Grade der Trennung“ nur, dass zwei beliebige Bewohner der Erde nicht mehr als sechs Bekannte voneinander entfernt sind – und nicht, wie lange es dauert, genau diese sechs zu finden. Wochen später meldete sich Palmer. Ja, er habe mit Brando „Don Juan de Marco“ produziert, man treffe sich sporadisch, Brando wohne nicht weit entfernt. Okay, er werde versuchen, ihn anzurufen.
Die Verbindung zwischen irakischem Falafel-Verkäufer und amerikanischem Filmstar war geknüpft. Getroffen haben sich die beiden dennoch nicht. Aber die Welt, die war ein Stückchen näher zusammengerückt.
(Von Michael Gleich, Illustration: Silke Beneke)
Bilfinger Berger Magazin 2/2009
