AUSTRALIEN HAT DEN WELTWEIT GRÖSSTEN PRO-KOPF-AUSSTOSS VON CO2. CLEVERE STROMZÄHLER SCHÄRFEN JETZT DAS UMWELTBEWUSSTSEIN DER VERBRAUCHER.
Wie dicke Lakritz-Schlangen hängen Elektrokabel über der Straße. An Kreuzungen treffen die schwarzen Schnüre auf Keramikspulen und Masten, ehe sie links und rechts zwischen Dächern und Regenrinnen verschwinden. Wie in Melbournes Stadtteil Hawthorn Strom verteilt wird, ist typisch für Australien: Leitungen zu vergraben, ist in vielen Wohngebieten nicht üblich. Trotz des altmodisch wirkenden Kabelsalats hat hier die Zukunft begonnen: Jim Kafritsis von Bilfinger Berger Services schraubt einen kleinen Kasten in die weißen Latten einer Hausfassade. Der neue Stromzähler, halb so groß wie ein Schuhkarton, kann viel mehr als nur Kilowattstunden addieren: Der „Smart Meter“ soll helfen, Energie zu sparen, Kosten zu senken und Umwelt und Klima zu schützen. Möglicherweise macht der Zähler den Bau einiger neuer Kraftwerke überflüssig. Und er soll den Verbraucher stärker und mündiger machen, hofft die Regierung von Victoria.
Seit September 2009 werden in dem südlichen Bundesstaat Australiens zweieinhalb Millionen der neuen Stromzähler installiert, denn 2007 beschloss die Regierung, dass nicht nur Großkunden, sondern auch alle 300 000 kleineren Betriebe und sämtliche Privathaushalte ihre alten Schwungradkästen austauschen müssten. Mit 2,5 Milliarden australischen Dollar (1,4 Mrd. Euro) ist das Victorias bisher größte Investition in die elektrische Infrastruktur.
Der Netzbetreiber „CitiPower and Powercor“ beliefert in Victoria gut eine Million Kunden, bei der Hälfte davon installiert Bilfinger Berger Services die intelligenten Zähler. „Mit Bilfinger Berger zu arbeiten, war für uns ein logischer Schritt“, sagt Frank Salvatore, Manager bei Powercor: Bilfinger Berger arbeitet in Australien seit über 60 Jahren im Energiesektor. In Victoria soll die Umstellung auf Smart Meter vier Jahre dauern – ein Prozess, der aus Sicht von Bilfinger Berger Services nicht nur logistische Leistungen, sondern auch Fingerspitzengefühl verlangt. Denn nicht jeder freut sich auf die neuen Geräte.
„Beim Austausch der Anlage kommt oft ans Licht, wie veraltet die Verkabelung eines Hauses ist“, erklärt Simon Pasinati, der bei Bilfinger Berger die technische Seite des Projekts betreut. Manche der alten, noch mit Stoff ummantelten Elektroleitungen seien nicht sicher und müssten ausgetauscht werden. „Diese Kosten wären ohnehin irgendwann auf die Kunden zugekommen. Jetzt aber werden sie als Folgekosten der Zähler gesehen“, sagt Pasinati.
In der Schaltzentrale von Powercor ist die Hardware bereits auf dem neuesten Stand. Frank Salvatore zeigt auf das raumgroße LC-Display. Hier laufen sämtliche Kundendaten und Verbrauchskurven zusammen, außerdem Informationen über drohende Unwetter, die eine Versorgung unterbrechen könnten. „Wenn alle Haushalte umgestellt sind, dann kommen bei uns pro Tag 40 Millionen Stromzählungen herein“, sagt Frank Salvatore. „Das ist eine verflixt große Datenmenge, die wir dann verarbeiten und auswerten.“
DEREGULIERTER ENERGIEMARKT
Denn die Smart Meter sind ausgesprochen fleißig. Bislang kam der Ableser viermal im Jahr zum Kunden, um den Verbrauch zu notieren. Die elektronischen Zähler geben den Stromverbrauch im 30-Minuten-Takt weiter. Störungen, etwa ein Stromausfall, werden auf die Art umgehend erkannt und Powercor kann quasi zeitgleich reagieren. Die Zähler sind außerdem schwerer manipulierbar als die alten, was den Stromdiebstahl erschwert – etwa durch Anzapfen der Leitung des Nachbarn. Vor allem aber sollen die Zähler nach dem Willen der Regierung beim Energiesparen helfen.
„Australiens Energiemarkt ist einer der dereguliertesten der Welt“, sagt Tim MacTaggart, Betriebsleiter von Bilfinger Berger Services in Melbourne: Produzenten, in Australien vor allem Kohlekraftwerke, speisen Strom in einen Pool und Energieanbieter oder -händler bieten dafür – ähnlich wie an einer Börse. Deshalb sind die Preise stark abhängig von Angebot und Nachfrage. Laufen an einem heißen Sommernachmittag sämtliche Klimaanlagen auf Hochtouren, muss der Energieeinkäufer auf dem National Electricity Market (NEM) mehr für den Strom zahlen als in einer lauen Herbstnacht. Derzeit berechnen die meisten Anbieter ihren Kunden Strom zu einem Durchschnittstarif, in den teure Ankäufe zu Spitzenphasen ebenso einfließen wie Schnäppchen aus jenen Stunden, in denen mehr Energie verfügbar ist.
STROM ZÄHLEN STATT ZAHLEN
In Zukunft wird es möglich sein, die genauen Verbrauchszeiten zu berücksichtigen, wovon der preisbewusste Endkunde profitiert: Auf einem Monitor wird er sehen können, wie viel Strom er wann verbraucht und zu welchem Tarif gerade Rugby-Übertragung und Waschmaschine laufen. Für viele, so erwartet die Regierung von Victoria, wird dies ein Anreiz sein, den privaten Stromverbrauch zu optimieren und zu drosseln.
In Zukunft, so hofft die Regierung, wird jeder Einzelne ermutigt, Haushaltsgeräte eher in Zeiten einzuschalten, in denen das Netz weniger beansprucht und der Strom günstiger ist. Dies könnte eventuell sogar erlauben, auf den Bau neuer Kraftwerke zu verzichten, da der Bedarf insgesamt ausgeglichener ist.
„Es wird eine Weile dauern, bis die Vorteile greifen“, vermutet Tim MacTaggart. „Aber auf jeden Fall ist es gut, Verbraucher in die Energiegewinnung und ihre Kosten einzubinden.“ Durch den Kohlereichtum des Kontinents sind die Strompreise im Weltvergleich gering. Dies führe oft zu einem allzu sorglosen Umgang mit Energie. Nach einer neuen Studie hat Australien die USA als Spitzenreiter im Pro-Kopf-Ausstoß von CO2 abgelöst. Jeder Australier produziert demnach 20,6 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr, doppelt so viel wie ein Einwohner Deutschlands: „Die Smart Meter können dabei helfen, dass wir in Australien bewusster mit unseren Ressourcen umgehen“, meint Tim MacTaggart.
(Text: Julica Jungehülsing, Fotos: Tobias Titz)
Bilfinger Berger Magazin 2/2009

