IN EINEM GYMNASIUM IN HALLE LERNEN DIE SCHÜLER MIT COMPUTERGESTÜTZTEN TAFELN. BILFINGER BERGER EBNETE DEN WEG IN DIE DIGITALE WELT.
Schluss mit Tafel wischen, Schluss mit stinkenden Schwämmen, die in den Pausen durchs Klassenzimmer fliegen. Paul, 13, und Paula, 12, sind zufrieden. Auch Vanessa, 12, spart sich einen peinlichen Gang: „Wir müssen keine Kreide mehr aus dem Lehrerzimmer holen!“
Das Giebichenstein-Gymnasium „Thomas Müntzer“ in Halle an der Saale hat die Kreidetafel abgeschafft. Stattdessen hängen jetzt Hightech-Tafeln, sogenannte Whiteboards, in den Klassenzimmern. Darauf können Schüler und Lehrer mit Spezialstiften oder einfach mit dem Finger schreiben. Sie können damit im Internet surfen und Filme, Fotos und Schaubilder betrachten. Die Tafeln sind an einen Computer angeschlossen und funktionieren wie ein riesiger interaktiver Bildschirm. Die Achtklässler Paul, Paula und Vanessa finden sie „echt krass“ – und das nicht nur, weil es jetzt nicht mehr so quietscht beim Schreiben.
Paula erinnert sich, wie sie im vorigen Schuljahr eine mühevoll erstellte Powerpoint-Präsentation nur an einem kleinen Laptop zeigen konnte, weil Beamer und Laptop nicht zusammenpassten. „Da hat keiner was gesehen“, ist sie immer noch enttäuscht. Jetzt passiert das nicht mehr. Die Tafeln ersetzen Laptop, Beamer, Overhead-Projektor, Fernseher und DVD-Spieler zugleich. Bei einer Fläche von 174 mal 135 Zentimetern ist jede Präsentation gut sichtbar, auch noch in der letzten Reihe.
Einunddreißig dieser Tafeln hat das Gymnasium: „Damit sind wir sicherlich eine der am besten ausgestatteten Schulen in Deutschland“, sagt Schulleiter Thomas Gaube, 46. Noch hat die neue Technik kleine Tücken: „Unsere Lehrerin hat neulich aus Versehen die ganze Tafel gelöscht“, kichert Vanessa. Die Klasse hatte ihre Freude daran, doch dann halfen die Kinder der verzweifelten Lehrerin aus der Misere: „Ein Klick, und alles war wieder da!“
Uwe Mielke, 47, Deutschlehrer der achten Klasse, will dagegen seinen Wissensvorsprung vor den Schülern auch im digitalen Zeitalter bewahren. Deshalb bleibt er nach dem Unterricht im Klassenzimmer und erkundet die Zusatzfunktionen der Tafel. „Ich kann ja längst noch nicht alles“, sagt er. „Die Akzeptanz der Tafeln im Kollegium ist sehr hoch“, berichtet auch Schulleiter Gaube. „Die Lehrer können alles, was auf der Tafel steht, speichern, auf einem USB-Stick mit nach Hause nehmen und in der nächsten Stunde wieder aufrufen.“
KEINE KREIDE, KEIN HANDWASCHBECKEN
Die neue Technik ist ein wenig dem Zufall, vor allem aber intelligenter Projektplanung zu verdanken. Im vergangenen Jahr hat Bilfinger Berger ein Gebäude der Schule komplett saniert, ein weiteres renoviert und eine große Turnhalle gebaut. Die 3000 Euro teuren Tafeln waren eigentlich nicht im Leistungsumfang vorgesehen. Doch weil die Schule sich diese wünschte, setzte sich Lutz Löhn, Projektleiter von Bilfinger Berger, noch einmal hin und rechnete die Zahlen neu durch. Seine Überlegung:„Wenn man keine Kreidetafeln will, braucht man auch keine Wasserleitungen und Waschbecken in den Klassenzimmern.“ Das alles sparte Lutz Löhn bei der Sanierung ein und überzeugte die Schulverwaltung, das Geld für die Tafeln auszugeben.
Insgesamt war Löhn in den vergangenen zwei Jahren für Sanierung und Neubau von neun Schulen an acht Standorten in Halle verantwortlich. Die Kosten: rund 55 Millionen Euro, welche die klamme Stadt kaum von heute auf morgen hätte aufbringen können. Halle entschied sich deswegen für eine „Public Private Partnership“ (PPP). Bilfinger Berger hat die Arbeiten nicht nur geplant, ausgeführt und finanziert, sondern ist die nächsten 25 Jahre auch für Bewirtschaftung und Bauunterhaltung der Gebäude zuständig. Die Stadt zahlt die Leistungen mit einer monatlichen Rate ab.
ZUR NACHAHMUNG EMPFOHLEN
Nach Angaben von Oberbürgermeisterin Dagmar Szabados liegt der Effizienzgewinn für die Stadt bei 19 Prozent. Soll heißen: Hätte die öffentliche Hand den klassischen Weg der Auftragsvergabe beschritten, wäre das Vorhaben fast ein Fünftel teurer geworden. „Mit guten Partnern aus der privaten Wirtschaft ist es uns gelungen, unseren Kindern bessere Lernbedingungen zu schaffen“, freut sich Szabados. Projektvorbereitung und -durchführung seien beispielhaft gewesen und könnten „erheblich auf nachfolgende Projekte auf Landes- und Bundesebene ausstrahlen“, meint die Oberbürgermeisterin.
SCHÜLER GESTALTEN IHRE SCHULE
„Auch für uns war das ein ganz besonderes Projekt“, sagt Oberbauleiter Löhn. So hat Bilfinger Berger mit den fünf sanierten Grundschulen des PPP-Projekts inzwischen eine Bildungspartnerschaft geschlossen und sie mit Technikkisten ausgestattet. Mit Werkzeugen, Holz und anderen Materialien können die Kinder jetzt im Unterricht experimentieren und beispielsweise herausfinden, unter welchen Bedingungen ein Turm stehen bleibt – oder eben nicht. Am Giebichenstein-Gymnasium durften die Schüler unter Anleitung von Bilfinger Berger sogar die Fassade der neuen Turnhalle gestalten. Entworfen hatten die Graffiti-Fassade 15 Schüler mit ihrem Kunstlehrer. Die Idee dahinter: Wer seine Schule selbst gestalten darf, wird sie hinterher nicht beschädigen.
Vanessa, Paul und Paula hoffen jetzt, dass ihre Schule so schön bleibt, wie sie gerade ist. „Früher hatten wir zerkratzte Spiegel in den Toiletten und überall waren Schmierereien“, berichtet Paul. „Und in manchen Ecken schimmelte es“, ergänzt Vanessa. Kein haltbarer Zustand für dieses ehrwürdige Schulgebäude mit seiner imposanten Fassade und den breiten Treppenhäusern, welche die Schüler nach den Pausen hoch rennen, hinein in die Klassenzimmer mit den „krassen“ Whiteboards.
DER LEHRPLAN BLEIBT DER ALTE
Am Lehrplan hat sich indessen nichts verändert. Achtklässlerin Paula steht vorn an der Tafel und scrollt ihre Notizen zum Handlungsverlauf von Gottfried Kellers Novelle „Kleider machen Leute“ hoch und runter. Die gut 130 Jahre alte Geschichte in eigene Worte zu fassen, das nimmt ihr die digitale Technik nicht ab. Sie zu verstehen und frei vorzutragen sei komplizierter, als die Tafel zu bedienen, meint auch ihr Lehrer Uwe Mielke.
(Text: Asmus Hess, Fotos: Kathrin Harms)
Bilfinger Berger Magazin 2/2009

