DEN MEISTEN KÜHEN WERDEN DIE HÖRNER AMPUTIERT. EINIGE BAUERN IM ALLGÄU WEHREN SICH GEGEN DEN TREND. DIE TIERE SOLLEN „IHRE KRONEN“ BEHALTEN.
Eigentlich hat Susanne Schwärzler ein kleines Paradies auf Erden und keinen Grund zu klagen. Auf den Weiden um ihren Hof in Kempten, wo sie mit Mann, vier Kindern und der Schwiegermutter lebt, grast eine bunt gemischte Herde aus Kühen, Ziegen, Schafen und Pferden. Ein Gockel stolziertmit seinen Hennen über den Hof, Bienenvölker summen in den Obstbäumen ihres Gartens und auf den Wiesen blühen Wildkräuter. Doch wenn die Rede auf Viehzucht und Milchwirtschaft kommt, kann sie ungehalten werden.
Ihr Zorn richtet sich auf eine Methode, die seit den 1980er Jahren in den Kuhställen zwischen Ostseeküste und Alpenrand praktiziert wird. Damals hörten immer mehr Bauern auf, Kühe vor dem Futtertrog anzuketten; fortan sollten sie in den Ställen frei laufen dürfen. An sich eine tierfreundliche Maßnahme, wenn da nicht die Sache mit der Enthornung wäre, die Susanne Schwärzler als „Amputation eines Organs“ bezeichnet.Weil die Bauern nämlich befürchten, dass sich die Tiere in engen Laufställen gegenseitig verletzen könnten, sägen sie ihren Kühen die Hörner ab. Eine qualvolle Prozedur, die Hörner sind gut durchblutet und schmerzempfindlich. Erwachsene Tiere muss ein Tierarzt narkotisieren, bevor er das Horn mit einer Seilsäge vom Kopf trennt. Bei Kälbern spart man sich die Betäubung und brennt in den ersten sechs Lebenswochen den Hornansatz aus, so dass ihnen zeitlebens keine Hörner mehr wachsen können – Methoden, gegen die der „Arbeitskreis Hörner tragende Kühe“ eintritt, dessen Sprecherin Susanne Schwärzler ist. Sie schätzt, dass in Deutschland nur noch jede zehnte Kuh Hörner hat. Erhebungen vom Bundesministerium für Landwirtschaft gibt es dazu nicht. Auch in den Bio-Vereinigungen ist das Enthornen gang und gäbe. Naturbelassene Exemplare wie auf dem Hof von Susanne Schwärzler garantiert nur noch der Demeter-Verband, bei dem sie Mitglied ist.
ALLE KÜHE TRAGEN HÖRNER
Ein Blick in ihren Stall sagt mehr über artgerechte Haltung als viele Grundsatzerklärungen. Es sieht darin aus wie in den Bullerbü-Kinderbüchern von Astrid Lindgren. Unter der Balkendecke liegt ein großer, von hölzernen Gattern unterteilter Raum, der den Kühen viel Platz und Stroh bietet, dazu eine lange Steintränke, die eine Quelle auf dem Hof mit frischem Wasser speist. So großzügig und artgerecht versorgt, hat jedes Tier genug Spielraum und keinen Grund, sich gegen ein anderes aggressiv zu verhalten. Logisch, dass alle Hörner tragen. „Die Hörner sind die Krone der Kuh“, sagt die Bäuerin.
Tatsächlich sind sie viel mehr als ein Kopfschmuck. „Manche Stellen, die sie nicht mit der Zunge erreichen können, lassen sich mit dem Horn kratzen“, erklärt Schwärzler. Hörner spielten auch eine Rolle als Temperaturregulatur – bei Fieber wird das sonst körperwarme Horn kühl. Hörner nützten sogar bei der Verdauung. „Wenn die Kuh wiederkäut, dringen Gase über die Stirnhöhlen bis in die Hornzapfen hinein“, sagt Schwärzler. Je schwerer verdaulich das Futter sei, desto mächtiger seien die Hörner. Zebu-Rinder, die in der afrikanischen Steppe nur harte Gräser finden oder Kühe auf den kargen Weiden des schottischen Hochlands besitzen große Hörner. Rinder, die auf den fetten Marschböden an der Nordsee leicht verdauliches Grünfutter finden, haben nur kurze, gedrungene Hörner.
DIE NATUR MACHT NICHTS VERGEBLICH
Ton Baars, Professor für biologisch-dynamische Landwirtschaft an der Universität Kassel, bestätigt diese Zusammenhänge. Der Wissenschaftler macht keinen Hehl aus seiner Nähe zur Anthroposophie, aber für seine wissenschaftlichen Untersuchungen gelten objektiv nachprüfbare Kriterien: Derzeit untersucht er, wie sich ökologische Milch von konventioneller unterscheidet. Bei seinen Analysen spielt nicht nur das Horn eine Rolle, es geht auch um die unterschiedliche Fütterung der Tiere. „Seit März vergleichen wir auf 24 Höfen zwischen Bodensee und Hohenlohe die Milch von biologisch-dynamischen und von konventionellen Betrieben“, sagt Baars, „beispielsweise auf Höfen, die Kühe im gleichen Alter mit und ohne Hörner haben.“ Der Versuch soll ein Jahr laufen, regelmäßig werden Milchproben genommen. Susanne Schwärzler glaubt, dass die Milch hornamputierter Kühe beim Menschen zu Allergien und Neurodermitis beitragen kann. Ton Baars bleibt noch vorsichtig: „Es ist zu früh, Aussagen zu treffen.“
Wissenschaft hin oder her, Susanne Schwärzler geht es auch ums Prinzip. „Die Natur macht nichts vergeblich“, zitiert sie den griechischen Philosophen Aristoteles: Warum sollten Kühe Hörner besitzen, wenn sie keine bräuchten? Die moderne Landwirtschaft ziele allein auf maximalen Milchertrag, „für viele Bauern geht es darum, möglichst viele Turbokühe mit großem Euter und hornlosem Haupt im Stall unterzubringen“. Denn Kühe mit Hörnern brauchen in einem Laufstall mehr Platz, zehn Quadratmeter Stallfläche, anstatt nur sechs.
KÜHE SIND NICHT AGGRESSIV
Thomas Dieng, Demeter-Landwirt bei Memmingen, hält sechzig Milchkühe und einen Stier im Laufstall. Als er den Hof vor 25 Jahren übernahm, hatte sein Vorgänger die Hälfte der Herde enthornt. „Die Gehörnten standen links im Stall, die anderen rechts. Ein jämmerlicher Anblick! Sie sahen aus wie Schafböcke.“ Er schüttelt den Kopf. Dieng ist ein Mann, der nicht viele Worte macht. „Kühe haben Hörner und es ist nicht richtig, sie abzutrennen“, sagt er einfach.
Also hat er einen größeren Stall gebaut und dabei alle Engpässe vor den Tränken, Futtertrögen und Zugängen vermieden. Die Tiere haben sogar die Möglichkeit, sich in einem Auslauf außerhalb des Stalls zu bewegen und können sich in eine Liegebox zurückziehen,was vor allem rangniedere Kühe gerne tun.Von Frühjahr bis Herbst sind sie tagsüber ohnehin auf der Weide.Umtriebige, brünstige Tiere trennt er mitunter von der Herde. Verletzungen kommen so gut wie nie vor.„Kühe haben in der Regel einen umgänglichen Charakter“, sagt Dieng. „Sie sind von Haus aus nicht aggressiv.“ Aber man müsse schon lernen, sich zwischen ihnen zu bewegen, vor allem, wenn ein Stier dabei ist.Dieng hat den mächtigen Bullen, der alle Kühe überragt, ständig im Blick:„Der Stier ist der König.“ Und selbstverständlich trägt der König eine Krone.
Text: Uschi Entenmann, Fotos: Eric Vazzoler
Bilfinger Berger Magazin 2/2008


