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Bilfinger BergerInterview

Erla Stefánsdóttir, 71
Erla Stefánsdóttir, 71,
Der Wasserfall Glanni am Nordurá-Fluss in Borgarfjördur: Für die Isländer ein Wohnplatz von Elfen und Trollen.
Der Wasserfall Glanni am Nordurá-Fluss in Borgarfjördur: Für die Isländer ein Wohnplatz von Elfen und Trollen.

„Die Naturgeister sind überall“

In Island zweifelt kaum jemand an der Existenz von Elfen und Feen, Gnomen und Trollen, die in Hügeln, Felsen und Flüssen leben. Aber nur wenige können die Naturgeister sehen und verstehen. Erla Stefánsdóttir, 71, aus Reykjavík besitzt diese Gabe. Deshalb wird sie häufig von Bauunternehmen und Baubehörden um Hilfe gebeten. Wenn sich Arbeiter an verzauberten Hügeln und Felsen zu schaffen machen, könne es vorkommen, dass sich das aufgescheuchte Geistervolk wehrt, glauben die Isländer: Dann gehen Baggerschaufeln zu Bruch, Gerüste kippen und verletzen die Arbeiter. Um das zu vermeiden, erstellt Erla Stefánsdóttir Karten mit den Wohnstätten der übernatürlichen Wesen.

Wann haben Sie zum ersten Mal eine Elfe gesehen?
Genauso gut könnten Sie mich fragen: Wann haben Sie zum ersten Mal einen Vogel gesehen?

Und wie sah die erste Elfe aus, an die Sie sich erinnern?
Ich war vier Jahre alt, als ich mit anderen Kindern Schmetterlingen hinterher rannte. Plötzlich merkte ich, dass ich Blumenfeen jagte, aber die anderen Kinder konnten meine „Schmetterlinge“ nicht erkennen.

Sehen Sie diese Wesen jeden Tag?
Natürlich, immer, sie sind in jedem Haus, auch hier drin, dort am Fenster in den Pflanzen.

Wie sehen sie aus, zum Beispiel die im Gummibaum?
Insgesamt sind dort acht Stück. Sie sind zwei Fingerbreit groß und haben kleine Flügelpropeller auf dem Rücken.

Weil nur wenige Menschen diese Wesen sehen können, sind Sie wahrscheinlich eine gefragte Person …
Ich bekomme jede Woche Anrufe von Leuten, die nicht gut schlafen, sich gestört fühlen oder krank werden. Manchmal bauen Menschen ihr Haus auf dem Wohnplatz eines Naturgeistes, und es kommt vor, dass sich der Geist wehrt. Schlecht ist, dass mich die Leute immer erst bitten zu vermitteln, wenn etwas schiefgegangen ist. Sie sollten mich fragen, bevor sie anfangen zu bauen.

Können Sie denn etwas ausrichten, wenn Elfen aufgescheucht sind und sich rächen?
Manchmal. Menschen und verborgene Wesen können harmonisch zusammenleben, wenn beide Rücksicht nehmen.

Es heißt, dass auch Beamte der Stadtverwaltung und Bauunternehmer an diese verborgene Welt glauben?
Das ist keine Frage des Glaubens. Die Wesen sind da! Nehmen Sie die Baustelle am Wasserfall in Borgarfjördur, eine Stunde nördlich von Reykjavík, wo eine Feriensiedlung mit Golfplatz entsteht. Diese Gegend ist sehr dicht mit Gnomen, Nymphen, Feen und Trollen besiedelt. Die Bauarbeiten laufen katastrophal ab. Jeder Tag kostet ein Vermögen, doch die Arbeiter kommen kaum voran. Vergangenen Monat kippte auf der steinharten Lavastraße ein fünfzig Tonnen schwerer Schaufelbagger zweimal hintereinander einfach um. Für den Projektleiter, der seit dreißig Jahren überall auf der Welt im Geschäft ist, ein absolutes Rätsel.

… das Sie lösen können!
Er bat mich zu kommen. Aber ich konnte nicht viel tun. Ich erklärte den Wesen, dass nicht das Bauunternehmen für die Zerstörung ihrer Welt verantwortlich sei, sondern der Besitzer des Landes, den sollten sie sich vorknöpfen. Sie versprachen, keinen Arbeiter zu verletzen, wollten aber weiterhin Schwierigkeiten machen.

Was kostet so ein Vermittlungsversuch?
Ich lebe von meinem Klavierunterricht. Manchmal nehme ich etwas, aber ich mach das nicht des Geldes wegen.

Gibt es Fälle, in denen Sie helfen konnten?
Ja, zum Beispiel, als man am Ende der Straße Laugarvegur ein großes Autohaus baute. Mehrere Leute stürzten vom Gerüst und verletzten sich. Die Bauleitung rief mich und ich entdeckte Elfenhäuser in den Felsen neben der Baustelle. Arbeiter hatten Farbe drauf gekippt, Müll und Baumaterial hingeworfen, es war eine Riesensauerei. Auf meinen Rat hin säuberte man die Felsen und hatte fortan keine Probleme mehr. Um die Felsen herum hat man eine Verkaufs- und Ausstellungsfläche für Autos betoniert, aber die Elfenhäuser wurden ausgespart, stehen unter Schutz, sind unberührt und sauber.

Das war kein Einzelfall?
Nein. Einen ähnlichen Fall hatten wir in der Gemeinde Kópavogur unweit von Reykjavík, da musste eine breite Straße plötzlich schmal um einen Felsen herum geführt werden, der von Elfen bewohnt ist. Die Straße heißt schließlich Álfshólfsvegur, der Elfenhügelweg.

In welcher Sprache unterhalten Sie sich mit den Naturgeistern?
Sie singen und reden zu mir. Es ist keine bestimmte Sprache, es sind Töne, manchmal Vibrationen.

Finden Sie alle Elfen und Gnome und Zwerge sympathisch?
Mein Verhältnis zu ihnen ist wie zu Menschen. Manche mag ich, manche nicht, manche sind jung und freundlich, andere alt und mufflig.

Wie alt werden Elfen?
Ein paar hundert Jahre …

Wie sind sie gekleidet?
Unterschiedlich. Manche tragen braune Hosen und blaue oder rote Hemden, andere ganz bunte Gewänder. Und rote Schuhe. Sie wohnen in Häusern, haben Stühlchen und Tischchen und sind meist sehr naturverbunden.

Welche dieser Wesen sind dem Menschen am ähnlichsten?
Die Huldufolks, die versteckten Leute. Sie sehen uns zum Verwechseln ähnlich. Als Kind ging ich manchmal zu ihren Geburtstagsfesten, ohne zu ahnen, dass es Huldufolks waren. Sie machten Cocktails aus Erdbeer- und Apfelsaft, wobei sich die Säfte im Glas sauber getrennt übereinanderschichteten. Einmal habe ich mich sogar in einen Huldufolk verliebt, bis ich entdeckte, dass er gar kein Mensch ist.

Sind Ihnen auch schon mal übermenschlich große Exemplare begegnet?
Da gibt’s die Tivar, mächtige Berggeister, die mehrere hundert Meter groß sein können und Kraft und Wärme ausstrahlen. Aber wir haben auch zarte Geschöpfe wie die Lichtfeen, die an Seen in unberührter Landschaft leben. Wunderschöne Erscheinungen mit ihren lichtdurchfluteten Flügeln.

Was sagen Ihre Kinder über Ihren Umgang mit den Naturgeistern?
Meine beiden Töchter und mein Sohn finden mich ein bisschen seltsam. Aber meine kleine Enkelin hat neulich zu mir gesagt: Oma, ich wünsch mir auch so ein Auge, mit dem man Abenteuer sehen kann!

(Uschi Entenmann / Interview /// Kathrin Harms / Fotos)