Bilfinger Berger Magazin
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BERGFÜHRERIN BETTINA SULLINGER

FRAU IM MÄNNERJOB

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IN DER SCHWEIZ GIBT ES 1500 BERGFÜHRER, NUR ZWANZIG DAVON SIND FRAUEN. BETTINA SULLIGER-PERREN, 40, IST EINE VON IHNEN. EIN GESPRÄCH ÜBER SKEPTISCHE GÄSTE, GIPFELGLÜCK UND SCHUTZENGEL IM GEBIRGE.

In der Schweiz gibt es 1500 Bergführer, nur 20 davon sind Frauen. Warum?
Der Bergführeralltag ist hart, die Touren gehen auf die Knochen. Seit dem Ende meiner Ausbildung vor 15 Jahren hat keine zweite Zermatterin diesen Job gewählt – und das in einem Bergsteiger-Mekka.

Was macht Sie zur Ausnahme?
Ich bin sehr hartnäckig. Schon während der Ausbildung habe ich doppelt so viel trainiert wie meine männlichen Kollegen. Damals habe ich alle möglichen Tricks ausprobiert, um bei meinem Körpergewicht von nur 50 Kilogramm Lasten zu reduzieren: Ich tauschte zum Beispiel die metallenen Schiebergriffe der Reißverschlüsse an Jacke und Rucksack gegen Nylonfäden aus.

Können Sie sich vorstellen, im Flachland zu wohnen?
Nein. Wer sein Leben lang die Berge vor der Nase hatte, würde sie zu sehr vermissen.

Was haben Sie denn gegen die Weite?
Mein Blickfeld braucht halt links und rechts eine Stütze, dann können sich meine Augen daran festhalten.

Überrascht es Touristen, wenn sie von einer Frau in die Berge geführt werden?
Wenn sie mich sehen, fragen viele sofort, ob ich sie bei einem Sturz auch halten kann.

Sind Sie genervt von solchen Reaktionen?
Anfangs war ich konsterniert. Heute habe ich keine Lust mehr, mich zu erklären. Ich sage den Kollegen im Bergführerbüro, dass sie den Gästen vorab klarmachen sollen, dass ihr Führer eine Frau ist.

Erinnern Sie sich an Ihren schwierigsten Gast?
Ich hatte mal einen, der Skitouren unternehmen wollte, aber nicht Skifahren konnte. Insbesondere Kurven bekam er nicht hin. Er raste einfach parallel zum Hang und machte dann eine Art Spitzkehre. Ich starb tausend Tode, dass er die Kontrolle verliert. Wir waren halt nicht auf der Piste, sondern auf einem Gletscher, wo es gefährliche Spalten gibt. Da muss man kontrolliert fahren können.

Wie sind Sie Bergsteigerin geworden?
In der Region Zermatt haben wir 38 von 76 europäischen Viertausendern vor der Haustür, und ich dachte immer schon: Da will ich herauf. Die Berge haben meinen Willen angespornt, das war wie eine Herausforderung.

Was ist es für ein Gefühl, einen Gipfel zu erreichen?
Wir Menschen gehören nicht zu den gelenkigsten Lebewesen, ein Kletterer stößt ständig an seine Grenzen – und ist glücklich, wenn er sich den Weg erkämpft hat. Auf dem Gipfel liegt einem dann die Welt zu Füßen. Alle Sorgen sind weit unten. Ja, so ist das wirklich.

Bezwingt man einen Berg, erobert man ihn?
Diese Worte passen nicht, denn die Natur und die Berge sind immer stärker. Wir Bergführer haben eine andere Philosophie: Respekt vor dem Berg. Vor jeder Besteigung erspüren wir, ob der Berg einem wohlgesonnen ist, prüfen die Wetterverhältnisse. Es ist, als träte man mit dem Berg in Kontakt, der ist schließlich keine Treppe zum Rauf- und Runtersteigen.

Hatten Sie Vorbilder, als Sie sich für Ihren Beruf entschieden?
Ulrich Inderbinen hat mich sehr geprägt. 80 Jahre lang hat er als Bergführer in Zermatt gearbeitet, noch mit 89 hat er das Matterhorn bestiegen. Ich habe erlebt, wie verantwortungsvoll er mit den Gästen umgegangen ist: Er fühlte, was sie konnten, und welcher Klettergang sie überfordern würde. Die waren immer zufrieden mit ihm. Er lebte mit den Bergen, es gab ein stilles Einverständnis. Das beeindruckte mich sehr.

Hat er Sie unterstützt?
Ja. Andere Männer taten sich damals schwer, als ich in ihre Domäne einbrach. Vor sechs Jahren ist der Ulrich dann gestorben, 103 Jahre alt. Wenn ich oben in den Bergen bin, in der Stille und der Ruhe, fühle ich mich ihm nahe. Sowieso glaube ich, dass die alten verstorbenen Bergführer bei einer Tour über uns wachen.

Sie glauben an Schutzengel?
Nein, ich stelle mir die alten Bergführer wie Coaches im Himmel vor, die einen lenken und in kniffligen Situationen helfen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Der Zermatter Friedhof ist voll mit Gräbern verunglückter Bergsteiger. Ist Ihnen Ihr Beruf nicht zu riskant?
Ich denke nicht, dass Bergsteiger sterben, weil sie ein Risiko eingegangen sind. Der Weg ist vorgezeichnet. Wer oft in die Berge geht, riskiert allein deswegen den Tod, weil er viel Zeit dort verbringt. Ich jedenfalls glaube nicht, dass ich länger leben würde, wenn ich einen anderen Beruf ergriffen hätte. Das ist von Gott vorgeplant.

Das ganze Leben?
Nein, nur der Tod. Mir wäre es lieber, meine Zeit ginge einmal in den Bergen zu Ende, statt in einem Krankenbett.

Was erzählen Sie ihren Kindern, wenn Sie auf Bergtour gehen?
Ich habe dazu eine positive Einstellung: Das Bergsteigen erfüllt mich. Natürlich denke ich an das Risiko und versuche es durch Umsicht zu minimieren. Genau so vermittle ich es meinen Kindern.

Und was sagt Ihre Mutter?
Die sieht die Bergsteigerei nicht gern, sie hat Angst um mich. Aber für sie ist es anders. Sie stammt aus Magdeburg in der norddeutschen Tiefebene. Sie hat ihren Weitblick – und ich habe meinen.

Interview: Jan Rübel, Fotos: Heinz Heiss
Bilfinger Berger Magazin 1/2010

Bettina Sulliger-Perren, 40
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