BILFINGER BERGER POWER SERVICES SETZT AUF EIGENE LEUTE, STATT LEISTUNGEN EINZUKAUFEN. EIN GESPRÄCH MIT DEM VORSITZENDEN GESCHÄFTSFÜHRER GERD LESSER.
Herr Lesser, ich möchte Ihnen das Ergebnis einer kleinen Umfrage im Freundeskreis vorstellen. Ich habe gefragt: Welche Assoziationen gibt es zu Bilfinger Berger? Die Antworten waren: „Tunnel, Brücken, Bürotürme.“ Kraftwerkstechnik ist niemandem eingefallen. Stört Sie das?
Unsere Sparte ist der Öffentlichkeit weniger bekannt, weil unser Name nicht auf unzähligen Baustellentafeln in den Innenstädten und an Autobahnen hängt. Tatsache ist: Der Dienstleistungsbereich wird immer wichtiger für Bilfinger Berger. Und Power Services ist der Teilkonzern mit der höchsten Umsatzrendite.
Dienstleistungen – da denkt man an unkomplizierte Tätigkeiten, mit denen sich Auftraggeber nicht abgeben wollen.
Ganz falsch. Von unseren 6900 Mitarbeitern sind 2000 Ingenieure, dazu kommt eine große Zahl an Technikern und Facharbeitern.
Und was machen die genau?
Wir arbeiten in Kohle-, Öl- und Nuklearkraftwerken. Wir entwickeln und fertigen Kohlemühlen, Feuerungsanlagen, Kessel und die Hochdruckrohrleitungen, in denen der Dampf zu den Turbinen geführt wird. Schließlich liefern wir Systeme, die die Schadstoffe aus dem Abgas waschen. Wir bringen alte Werke auf den neuesten Stand, sodass sie sicherer, umweltfreundlicher und wirtschaftlicher laufen.
Ihr Unternehmen wächst trotz der weltweiten Wirtschaftskrise. Woran liegt das?
Die Kraftwerksbetreiber wissen, dass sie sich hundertprozentig auf uns verlassen können, einfach weil wir fast alles selbst fertigen und montieren. Auch das Engineering kommt von uns. Wir sind mit den neuesten Entwicklungen in der Kraftwerkstechnik vertraut. Und wir sind an vielen wichtigen Forschungsprojekten beteiligt.
Wäre es nicht profitabler, spezielle Leistungen einzukaufen, statt alles selbst vorzuhalten?
Hochwertige Produkte und termingerechte Lieferung können wir nur sicherstellen, wenn wir überwiegend mit eigenen Leuten arbeiten. Das ist unseren Kunden gerade in Krisenzeiten viel wert. Stellen Sie sich ein 1000-Megawatt-Kraftwerk vor. An jedem Tag, an dem es stillsteht, macht der Betreiber enorme Verluste. Wir tun alles dafür, dass sich der Kunde auf uns verlassen kann. Das heißt andererseits: Zu Dumpingpreisen arbeiten wir nicht.
Ist das nicht eine riskante Strategie?
Nein, sie zahlt sich aus. Wir haben Leistung und Ergebnis im Vergleich zu 2008 deutlich gesteigert. Bis auf eine kleine Ausnahme, den Erwerb eines Montageunternehmens in Kroatien, handelt es sich um organisches Wachstum, also um Entwicklung aus eigener Kraft. Und im Hochdruck-Rohrleitungsbau sind wir die Nummer eins in Europa.
Wie sieht es mit außereuropäischen Märkten aus?
In Südafrika wird für die kommenden Jahrzehnte großer Bedarf bestehen. Es herrscht ein enormer Energiemangel, weil die wirtschaftliche Entwicklung lange unterschätzt wurde. Ganze Fabriken können nicht gebaut werden, weil der Strom fehlt. Außerdem schauen wir von Südafrika aus auch in andere afrikanische Länder.
Fast alle Ihre südafrikanischen Führungskräfte sind Weiße. Ist das noch zeitgemäß?
Zunächst einmal: Neben einer ausgeglichenen Beschäftigungsstruktur schreibt die südafrikanische Regierung vor, dass auch die Shareholder zu einem großen Teil Schwarze sein müssen. Da sind wir schon sehr weit. Unsere Unternehmen in Südafrika gehören zu dreißig Prozent Schwarzen.
Schön, aber warum haben Sie keine schwarzen Führungskräfte?
Leider gibt es noch zu wenig gut ausgebildete Südafrikaner – egal welcher Hautfarbe. Der Ausbildungs- und Arbeitsmarkt kommt bei der rasanten Entwicklung im Energiebereich einfach nicht hinterher. Deshalb schicken wir jetzt Deutsche nach Südafrika, die wir aber nach und nach durch lokale Arbeitskräfte ersetzen. Diese bilden wir zu einem großen Teil selbst aus. Im Bereich Schweißen und Montage sind wir der größte Ausbilder in Südafrika. Beim Hochdruckschweißen sind wir sogar der einzige.
Gibt es noch andere interessante Auslandsmärkte?
Im Moment denken wir vor allem an Australien. Dort sprechen wir mit unseren Kollegen von Bilfinger Berger Australia, die seit Jahrzehnten gute Kontakte zu Kraftwerksbetreibern haben. Wir haben vereinbart, dass wir unser Know-how zur Verfügung stellen, um dort gemeinsam weitere Geschäfte zu generieren. Aber auch Russland und Indien sind interessant. Klar ist: Wir gehen nur in Länder, die wir gut kennen, etwa durch lokale Partner, um das Risiko gering zu halten.
Entsprechen Kraftwerke im Ausland den selben Standards wie in Deutschland?
Die Kohlekraftwerke Medupi und Kusile, die wir in Südafrika beliefern, haben einen Wirkungsgrad von 44 bis 45 Prozent. Das ist der modernste Stand der Technik. Derzeit versuchen wir außerdem, die Südafrikaner davon zu überzeugen, eine Rauchgasreinigung einzubauen. Bei uns sind Entschwefelungsanlagen bereits Pflicht, in Südafrika ist das noch nicht der Fall.
Gehen Klimaschutz und Kohlekraft überhaupt zusammen?
Ja. Die Energiebilanz von Kraftwerken muss allerdings noch besser werden, weil viele Maßnahmen für den Umweltschutz zu Lasten des Wirkungsgrads gehen. Die Herausforderung liegt darin, Werkstoffe zu finden, welche die steigenden Temperaturen und Drücke aushalten, die wir für mehr Effizienz brauchen. Auch die Techniken zur Abscheidung und unterirdischen Lagerung von CO2 sind interessant. Für das erste CO2-freie Versuchskraftwerk haben wir übrigens die Rauchgasreinigungsanlage gebaut.
In Deutschland wächst der Unmut über große Kraftwerksbauten. Vielleicht wären wir mit dezentralen Blockheizkraftwerken besser bedient?
Das Leben besteht aus Kompromissen. Es wird künftig eine Mischung geben. Dezentrale Energietechnik ist auf dem Vormarsch, und wir wollen auch da ein eigenes Produkt entwickeln: Mikro-Gasturbinen in der Größenordnung von etwa 250 Kilowatt. Damit können wir Krankenhäuser, Schulen oder kleine Fabriken versorgen. Im Jahre 2011 wollen wir damit in die Produktion gehen. Wir sind aber auch im Bereich Kernfusion aktiv. Dafür werden anspruchsvolle sogenannte supraleitende Magnete benötigt, die wir entwickeln. Das CERN etwa gehört zu unseren Partnern.
Was ist die Energiequelle der Zukunft?
Gas ist begrenzt. Kohle auch. Und Biomasse wächst nicht so schnell wie unser Energiebedarf. Ich denke, dass in 100 Jahren nicht Wind oder Sonne, sondern Kernfusion das zentrale Thema sein wird. Dabei werden Prozesse nachgebildet, wie sie sich im Innern der Sonne vollziehen. Und die Sonne ist ein Beweis für Millionen von Jahren Energie.
(Interview: Sara Mously, Foto: Eric Vazzoler)
Bilfinger Berger Magazin 2/2009

