Bilfinger Berger Logo

Bilfinger BergerBilfinger Berger Magazin 2/2008

Architekt Stefan Behnisch, 51
Architekt Stefan Behnisch, 51

Architektur im Klimawandel

ARCHITEKT STEFAN BEHNISCH, 51, FORDERT EINEN KLÜGEREN UMGANG MIT RESSOURCEN.

Ihr Vater Günter Behnisch entwarf das Münchner Olympiagelände. Er steht für eine licht- und luftdurchflutete „demokratische“ Architektur. Wofür stehen Sie?
Für ähnliche Aspekte, aber auch für neue Themen, zum Beispiel Nachhaltigkeit.

Was verstehen Sie darunter?
Das ist ein uraltes Thema, schon Franz von Assisi beschäftigte sich in seinem „Sonnengesang“ mit dem Gedanken, dass der Mensch Respekt vor der Schöpfung haben sollte. Und so sollten wir uns auch heute damit auseinandersetzen, wie wir die natürlichen Ressourcen schonen können.

Das predigten auch die Grünen in den 1980er Jahren …
Sie saßen im Landtag in Hessen, strickten und gingen einem auf die Nerven. Aber dass es heute ein Bewusstsein für das Thema gibt, ist vor allem ihr Verdienst.

Was taten Sie, statt zu stricken?
Ich studierte damals bei den Jesuiten in München Philosophie und interessierte mich für die Probleme unserer Gesellschaften und für die Herausforderungen, mit denen die Dritte Welt konfrontiert ist. Auslöser war auch die Studie „Grenzen des Wachstums“ des „Club of Rome“. Im Grunde wissen wir seit der Energiekrise in den 1970er Jahren, dass unsere Lebensgrundlagen in Gefahr sind. Mir wurde damals klar, dass wir mit Ressourcen anders umgehen müssen.

Was bedeutete das für Ihre Arbeit?
Kleine Architekturbüros,die mit Idealismus Häuser entwickelten, die wenig Energie verbrauchen, haben viel bewirkt. Unser Büro hat von deren Vorarbeit profitiert. 1994 bauten wir im holländischen Wageningen das Institut für Forst- und Naturforschung, ein europäisches Pilotprojekt, bei dem menschenfreundliches und energiesparendes Bauen im Vordergrund stand.

Wie sah das Konzept aus?
Das Institutsgebäude ist flexibel, es kann wachsen im Laufe seiner Lebenszeit, je nach den Bedürfnissen des Bauherrn. Die interne Infrastruktur kann nach allen Seiten erweitert werden, aber auch schrumpfen. Wenn man das Gebäude verkleinern will, kann man mit wiederverwendbaren Materialien wie Holz arbeiten, aber auch mit Beton-Fertigplatten. Wir haben damals zusammen mit der Fraunhofer-Gesellschaft das erste Konzept für die Lebenszyklusbetrachtung eines Gebäudes entwickelt.

Spielte bei Ihrem Entwurf das Thema Energie auch eine Rolle?
Eine durchschnittliche Bank in Frankfurt verbraucht zwischen 400 und 800 Kilowattstunden pro Quadratmeter im Jahr. Unser Gebäude in Wageningen verbraucht nur 120. Wir haben große beschattete Wintergärten mit Teichen angelegt. Im Sommer streichtWind durch und fächert kühle Luft ins Gebäudeinnere.

Danach gewannen Sie einen Wettbewerb für den Firmensitz der Biotech-Firma Genzyme in den Vereinigten Staaten. Warum waren Sie erfolgreich?
Weil wir mehr als nur umweltfreundlich bauen wollten, nämlich kommunikativ. Die Mitarbeiter bei Genzyme arbeiten mit Tageslicht, können Fenster öffnen, sie hören Wasser rauschen, sind umgeben von Pflanzen, die Besprechungstische sind locker in Wintergärten angeordnet. Das Unternehmen ist wie eine kleine Stadt aufgebaut, mit öffentlichen Plätzen und privaten Gärten.

Schön für die Mitarbeiter, aber hat die Firma auch etwas davon?
Genzyme hat in Untersuchungen nachgewiesen, dass die Produktivität gestiegen, die Krankheits- und Fehlzeiten zurückgegangen sind und die Menschen wieder mehr miteinander reden. Nebenbei sparen Unternehmen, die so bauen, auch Unterhaltskosten. Dreißig Prozent des weltweit produzierten Stroms geht in die Beleuchtung! Also schaffen wir Räume mit hohem Tageslichtanteil. Das Gebäude wird über den Kühlkreislauf eines Kraftwerks in der Nachbarschaft geheizt und gekühlt.

Sind die Amerikaner offen für Ihre Mission?
Ja, immer mehr. Wir bauen derzeit für die Harvard University ein rund 120 000 Quadratmeter großes Wissenschaftszentrum. Gewonnen haben wir den Wettbewerb vor allem wegen unseres Konzepts für Nachhaltigkeit. Wir erreichen dort eine CO2- Reduzierung von 50 Prozent gemessen an herkömmlichen Forschungseinrichtungen in den USA.

Wie schaffen Sie das?
Zum Beispiel mit unterschiedlichen Klimazonen in verschiedenen Aufenthaltsbereichen. In der Cafeteria oder in den Fluren muss es nicht so kühl sein wie in den Labors. Wir arbeiten mit Bauteilkühlung, Sonnenschutz, Dreifachverglasungen, Tageslichtumlenkern, Wärmerückgewinnung und so weiter. Das Wissenschaftszentrum ist ein ehrgeiziges Projekt, vier Gebäude, die mit Brücken verbunden sind. Der Baubeginn war in diesem Frühjahr, 2011 soll es fertig sein.

Ein Vorbild für jeden Neubau?
Ein Beginn, wir sind am Anfang einer Entwicklung. Jedoch betrifft das nicht nur Neubauten. Wir müssen anfangen, mit der vorhandenen Bausubstanz anders umzugehen. Statt abzureißen, kann man sie neu nutzen. Beton beispielsweise ist ein fantastischer Werkstoff, kann Temperaturschwankungen ausgleichen, er eignet sich gut für den Einsatz von Bauteilaktivierung. Das bedeutet, dass das Gebäude über den Rohbau klimatisiert werden kann, indem man kaltes oder warmes Wasser hindurchleitet. Beton abzureißen, ist aufwändig. Also baue ich darauf auf, gestalte mit dem Vorhandenen, anstatt ihn zu zermalmen und neu zu gießen.

Ausgerechnet die alten Betonklötze sollen erhalten werden?
Es geht um die Rohbauten, das Tragwerk. Zumindest sollte man sich die Erhaltung in jedem Einzelfall überlegen. Denn in einem Betonrohbau stecken 25 Prozent der Kosten und rund 50 Prozent der Energie, die ich für den gesamten Hausbau brauche.

Manchmal klingen Sie wie ein Umweltprediger.
Mag sein, stört mich aber nicht. Die Rohstoffe werden knapp, die globale Erwärmung nimmt zu. Die Probleme zu ignorieren, mit denen wir und vor allem künftige Generationen sich auseinandersetzen müssen, das ist nicht mehr zeitgemäß.

Interview: Uschi Entenmann, Foto: Eric Vazzoler
Bilfinger Berger Magazin 2/2008