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Bilfinger BergerBilfinger Berger Magazin 2/2008

Regen bringt Segen

WIE GEHEN WIR MIT UNSEREM WASSER UM? EIN NEUES KONZEPT DIENT DER UMWELT UND DEM GELDBEUTEL.

„Die Wasserrechnung?“ Mandy Alfeo versteht nicht recht. Ja, die Wasserechnung, wie hoch ist sie? Was zahlt Ihre Familie im Monat für den Bezug von Trinkwasser? Frau Alfeo greift sich an die Stirn. „Ach, das meinen Sie! Da habe ich schon lange nicht mehr reingeschaut. Es ist so wenig.“ Dann sucht sie in einem Ordner nach der letzten Abrechnung der Stadtwerke und sagt: „Fünf Euro im Monat.“
Das Haus der Familie Alfeo steht im Knittlinger Neubaugebiet „Am Römerhof“ und sieht von außen nicht viel anders aus als andere Einfamilienhäuser irgendwo in Deutschland. Man müsste schon ein Maulwurf sein, um zu erkennen, dass unter der Erde an diesem Haus fast nichts so ist, wie man es kennt. Kein dickes Betonrohr führt das Abwasser ins nächste Klärwerk, nur ein Plastikrohr liegt versteckt in einem Schacht vor dem Haus.
Würde man das Ohr auf den Boden drücken, könnte man vielleicht ab und zu ein leises Sauggeräusch aus diesem Schacht hören, wenn der Unterdruck wie bei einer Flugzeugtoilette den Sammelbehälter absaugt.
Kocht Mandy Alfeo für ihren schwäbischsizilianischen Ehemann Salvatore und die beiden Kinder Lisa (3) und Robin (7) mal wieder das Lieblingsessen Spätzle mit Soße, bleibt selten etwas übrig. „Und wenn“, sagt sie, „dann werfen wir es einfach in den Abguss.“ Der Abguss ist von anderer Art als in gewöhnlichen Küchen: Wie ein kleiner Schredder zermalt er unterhalb des Wasserbeckens den Bio-Abfall und saugt ihn gierig auf. Alles, was bio ist, will er haben und schickt die zermahlene Masse über ein dünnes Plastikrohr in das nahe gelegene kleine Wasserwerk. Dort wird aus den Spätzle, dem übrigen Bio-Müll und dem Toilettenabwasser saubere Energie in einer Biogas-Anlage.

DAS WUNDERWERK VON KNITTLINGEN
Knittlingen ist der richtige Ort für ein solches „Wunderwerk“. Zwar wissen nur die wenigsten Menschen, dass in dieser Kleinstadt zwischen Karlsruhe und Pforzheim der vermutete Geburtsort des historischen Doctor Faustus liegt, dem Goethe mit seinem „Faust“ die Unsterblichkeit verlieh. Ausgerechnet von Knittlingen aus soll dieser Faustus mit Wahrsagerei und Magie die ganze Region in Atem gehalten haben, vor 500 Jahren. Und nun also wieder Knittlingen, diesmal mit „Deus 21“, wie das „Dezentrale urbane Infrastruktur- System“ von seinen Erfindern genannt wird. Bis in „Die Zeit“ und die „Wirtschaftswoche“ hat es das Städtchen damit gebracht.
In Knittlingen hat die Wasser-Zukunft begonnen. Ein weltweit einmaliges System arbeitet nahezu unabhängig vom städtischen Netz und gänzlich anders als die konventionelle Abwassertechnik. Rund 100 Häuser kann es ver- und entsorgen. Dem vom Fraunhofer- Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik (IGB) entwickelten, gemeinsam mit Bilfinger Berger Umwelttechnik umgesetzten Konzept liegt eine ebenso einfache wie brisante Erkenntnis zugrunde:Wasser ist ein wertvoller Rohstoff. Doch statt diese Ressource zu schonen, missbrauchen wir Trinkwasser zum Waschen der Wäsche, zum Gartengießen und sogar als Transportvehikel, um Fäkalien die Toilette hinunterzuspülen.
Das klingt alles nicht sehr intelligent.Warum nicht Regenwasser zum Rasensprengen oder für die Spülmaschine verwenden? Warum Bio-Müll und Fäkalien nicht zur Energiegewinnung nutzen? Warum kilometerlange Betonrohre durch Siedlungen verlegen, deren Instandhaltung die Gemeinden ein Vermögen kostet? „Es ist höchste Zeit, sich darum Gedanken zu machen und Lösungen anzubieten“, sagt Dr.Markus Gerlach, Leiter Verfahrenstechnik bei Bilfinger Berger Umwelttechnik. Gerlach ist sich sicher: „In Zukunft wird die Ver- und Entsorgung von Wasser anders organisiert werden, als es heute noch der Fall ist.“
Möglicherweise so ähnlich wie in Knittlingen: Dort wird das Regenwasser der Dachflächen und Wohnstraßen in einer unterirdischen Zisterne gesammelt, gefiltert und aufbereitet, bis es Trinkwasserqualität erreicht. Dieses „Pflegewasser“ fließt in einem eigenen Kreislauf zurück in die Häuser, um es für alles zu benutzen, außer zum Trinken. Sollte bei einer längeren Trockenzeit einmal nicht genügend Regenwasser zur Verfügung stehen, kann Trinkwasser aus dem kommunalen Netz eingespeist werden.
Richtig revolutionär wird es aber beim Abwasser: Herzstück des Knittlinger Modellprojekts ist die von der Bilfinger Berger-Tochter Roediger Vacuum entwickelte Unterdruck- Technologie. Das Absaugen des Abwassers erfordert weder ein Gefälle noch dicke Betonrohre. Vor jedem Haus liegt ein Übergabeschacht in der Erde. Hat er einen bestimmten Füllstand erreicht, öffnet sich ein Ventil und das Abwasser wird abgesaugt. Im dezentralen „Wasserhaus“ wird es dann unter Luftabschluss biologisch gereinigt. Mit dem dabei entstehenden Gemisch aus Kohlenstoffdioxid und Methan erzeugt eine Turbine Strom und Wärme. Übrig bleibt ein kleiner fester Rückstand, der eine hohe Konzentration von Ammonium und Phosphat enthält – ein wunderbarer Pflanzendünger.Was aus der Anlage dann noch als gereinigtes Abwasser herausfließt, kann zwar nicht getrunken, aber gefahrlos in den nächsten Bach geleitet werden.

EIN SCHRANK VOLLER PATENTE
Im Aktenschrank von Dr. Volker Zang, Geschäftsführer von Roediger Vacuum, stehen Dutzende Ordner mit Beschreibungen von 130 Patenten. Zang deutet auf den Schrank: „Da stecken Lösungen für viele Länder der Erde drin.“ So wurden in den wasserarmen Arabischen Emiraten große Neubaugebiete mit der Vakuumtechnologie ausgestattet, etwa auf den künstlichen Palmeninseln vor Dubai. „Auch in armen und abgelegenen Teilen der Welt kann die Technik eingesetzt werden, denn wir brauchen keine aufwendigen Kanalsysteme“, sagt Zang. Und in Regionen ohne Stromversorgung kann das Methan aus der lokalen Abwasseraufbereitung auch noch einen Generator antreiben: „Unsere Systeme lassen sich ganz auf die Notwendigkeiten anpassen“, meint Volker Zang. „Knittlingen ist nur ein Konzept von vielen.“

Text: Philipp Mausshardt, Foto: Barbara von Woellwarth
Bilfinger Berger Magazin 2/2008