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Bilfinger BergerBilfinger Berger Magazin 1/2009

Im Land der freien Liebe

STIMMT ES, DASS DIE HUZULEN KEINE EIFERSUCHT KENNEN UND DER FREIEN LIEBE FRÖNEN? EINE FORSCHUNGSREISE IN DIE KARPATEN.

Dort, wo für die meisten Europäer ihr Kontinent längst aufgehört hat zu existieren, haben Landvermesser der österreichisch-ungarischen Monarchie im Jahre 1887 die Mitte Europas festgelegt: in den Karpaten. Den Gebirgszug teilen sich heute fünf Länder: Ungarn, Polen, Rumänien, die Slowakei und die Ukraine. Wo die Karpaten ihre höchsten Gipfel erreichen, leben die Huzulen. Den Namen las ich erstmals in einem verstaubten Antiquariat in Hamburg. Beim Blättern im „Illustrierten Führer durch Galizien“, erschienen 1914, riss mich ein kurzer Abschnitt auf Seite 284 aus meiner Schläfrigkeit:

„Zu den originellsten Äußerungen huzulischen Lebens gehört der freie Verkehr der Geschlechter. Fast jeder verheiratete Huzule hat seine Geliebte und umgekehrt. Eheliche Treue ist den Huzulen völlig fremd.“

Das war vor zehn Jahren. Seither ließ mich Seite 284 nicht mehr los. Ein Volk der freien Liebe, mitten in Europa! Zwei Weltkriege und 45 Jahre Sowjetkommunismus lagen zwischen dem „Illustrierten Reiseführer“ und heute. Ob es die Huzulen überhaupt noch gibt?

Der Eurovision-Songwettbewerb vor vier Jahren in Istanbul gab mir eine Antwort. „And the winner is …“ – Ruslana hieß die Siegerin. Die Vertreterin der Ukraine, so stand anderntags in der Zeitung, sei eine Huzulin. Es gab sie noch! Ich beschloss, mich auf die Forschungsreise vorzubereiten.

Ich klapperte die Universitätsbibliotheken ab. Doch statt Beweise huzulischer Freiheit fand ich zunächst nur verhutzelte Bibliothekarinnen, die mir angestaubte Bücher auf den Tisch knallten. Eines der Bändchen hieß: „Briefe über den itzigen Zustand von Galizien“, es war von einem Herrn Kratter 1786 nach einer Reise verfasst, der angewidert über die Huzulen notierte: Ein Volk mit „unersättlichem Hang zur taumelnden Trunkenheit“. Auf den Jahrmärkten der Gegend fand er „nichts als Vollsäufer“. Das klang vielversprechend.

Dann las ich den 200 Jahre alten Bericht eines gewissen Samuel Bredetzky: „Wehe dem armen Reisenden, der eine Nacht mit diesen Halbmenschen unter einem Dach zubringen muss.“ Überall stieß er auf „Sittenlosigkeit“.

Mir wurde warm ums Herz. Fast täglich brachte nun der Postbote kartonierte Umschläge mit Büchern: Der aus Galizien stammende Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch ließ in seinem Roman „Die Karpatenräuber“ eine Huzulin sprechen: „Ich will mich nicht einem Manne verkaufen, wie ein Vieh, und sein gehören, wenn er will. Ich will frei sein, ich will eine wilde Katze bleiben.“

Ich reiste nach Wien. Ganz alleine saß ich im „Lesesaal 8“ der Nationalbibliothek und blätterte vorsichtig die Reisebeschreibungen des „Professor Balthasar Hacquet“ von 1791 durch. War ich einem Hirngespinst auf der Spur?

Ich las nur von Gesteinen und Gebirgspflanzen – bis ich, schon müde geworden, im dritten Band die Seite 18 aufschlug. Hacquet notierte über die Huzulen: „Wenige sind, die mit ihrem Weibe leben, sondern mit einer oder mehr Halbschwestern oder Nachbarinnen. Die Eifersucht ist bey ihnen nicht zuhause, desto mehr die syphilitische Pest.“ Das genügte. Es konnte losgehen.

Die Anreise in die Huzulei schien mir über Lemberg (ukrainisch: Lviv) am angenehmsten. Von dort weiter mit dem Mietwagen 300 Kilometer in die Berge. Den Herbst hielt ich für eine gute Reisezeit: Wenn die Obstbäume abgeerntet und der erste Schnaps vielleicht schon gebrannt ist, kann das der Liebe nicht schaden. In meinen Koffer hatte ich neben einer Großpackung Kondome auch 28 kleine Fläschchen deutschen Kräuterschnapses gepackt, um leichter mit den Huzulen ins Gespräch zu kommen.

„Immer zehn Weiber auf einmal, oder doch mindestens drei, eine für das Bett, eine für den Geist, und die dritte für das Herz – nein, was sage ich da. Das Herz bleibt aus dem Spiele, ganz aus dem Spiele, sage ich Ihnen.“ Ein Schlagloch, zwei Meter breit und einen halben tief, riss mich aus meinen Sacher-Masoch-Fantasien. Der Reifen war platt, die Felge verbogen, die Achse verzogen. In meinem südkoreanischen Billigauto hatte ich mich von Beginn an unpassend gefühlt. In einem solch unwürdigen Verkehrsmittel reist man eigentlich nicht zu einem freien Hirtenvolk, das bis heute beritten ist, wobei die Pferde genauso heißen wie die Besitzer: Huzulen. Kleine, zähe Tiere, geeignet fürs Gebirge.

Den ersten echten Huzulen roch ich, bevor ich ihn sah. Er hatte sich mir in dem Städtchen Kossiv von hinten genähert, in dem an jenem Morgen Markttag war und wo die Bewohner der Berge schon früh um sechs Uhr ihre Äpfel, Pflaumen und ihren Bryndza, den gewöhnungsbedürftigen Schafskäse, auf wackeligen Holztischen ausbreiteten. Der Atem von Juri, wie er sich nannte, war atemberaubend. Als sich der Wodkanebel lichtete, sah ich einen unrasierten Mann mit vier Goldzähnen (es waren seine einzigen) im Mund – der mir ein selbst geschnitztes Holzkästchen unter die Nase hielt. Da er ansonsten unbewaffnet war, lehnte ich dankend ab.

In der einzigen Marktschenke, einem fensterlosen Verschlag, traf ich ihn wenig später wieder. Von Juri lernte ich mein erstes huzulisches Wort: „Lubaska“. Wörtlich übersetzt heißt es: „die ich lieb habe“ und es meint ausdrücklich jene Frau, mit der man nicht verheiratet ist.

Über eine enge Passstraße gelangte ich ins Tal des Schwarzen Czeremosz, ein wilder Fluss, der alle zehn Jahre Brücken, Straßen und manchmal auch die Lubaskas mit sich reißt. Über die Berghänge verstreut kauerten die blau gestrichenen Holzhäuschen der Huzulen. Die Bauern waren gerade dabei, das getrocknete Gras auf hohe Heuhaufen zu wuchten. Ganz oben auf dem Haufen standen meist junge Frauen und stampften das Heu mit ihren Füßen. Ich hielt beim nächsten Heuhaufen an. Die zwei Bauern warfen ihre Rechen weg, und noch bevor ich meinen Jägermeister zücken konnte, spürte ich eine Wodkaflasche an meinem Mund. Nach ein paar einleitenden Worten über das Wetter und die Schnapszubereitung kam ich zur Sache. Liebe, Lubaska, Eifersucht – wie steht’s damit?

Edita, meine ukrainische Übersetzerin, wurde dabei röter als die von der Sonne verbrannten Bauerngesichter. Beide Männer schauten fragend hinauf zum Heuhaufen, die Frau dort oben schaute lachend zurück.

In einem Bauernhaus hatten wir unseren Beobachtungsposten bezogen. Verkhowyna hieß das Dorf, es nannte sich großspurig auf einem Schild am Ortseingang „Hauptstadt der Huzulen“. Am Abend, so hatten wir erfahren, sollte eine Hochzeit beginnen. Eine kleine Hochzeit, hieß es, nur 200 Gäste und zwei Tage. Wir waren eingeladen. Pünktlich um zehn Uhr abends trafen wir mit unseren Taschenlampen vor dem Bauernhof ein.

Allein die Vorstellung einer huzulischen Hochzeit hatte mich in einen gewaltigen Erwartungsrausch versetzt. Bei Professor Hacquet hatte ich gelesen, wie eine solche Hochzeit endet, und ich war auf alles vorbereitet. Ihm war seinerzeit die schönste Tänzerin von deren Ehemann persönlich zur Nacht in die Hütte gelegt worden. „Aus diesem Zug“, notierte Hacquet in sein Tagebuch, „kann man beobachten, wie wenig die Eifersucht bey ihnen zuhause ist.“ Ich hatte vorsorglich noch etwas Aftershave nachgelegt.

Neben der Holzkate des Brautvaters waren zwei große Zelte aufgebaut, eines zum Essen und Trinken, das andere zum Tanzen. Gut 200 Männer in bestickten Hemden, Frauen mit Kopftüchern saßen dicht gedrängt und füllten sich gegenseitig die Gläser mit Wodka. Bis Mitternacht sah ich vom Brautpaar nichts. Erst dann bemerkte ich, dass die beiden hinter einem geschmückten Tannenbaum versteckt am Kopfende des Zeltes saßen und bei ihrem eigenen Fest keine große Rolle spielten.

Die Tische bogen sich unter den Tellern mit Würsten, Krautwickeln, Kartoffelsalat und Gemüseplatten. Ein Geiger und ein Ziehharmonikaspieler liefen durch die Bankreihen und spielten „Lubaska“-Weisen.

Weit nach Mitternacht begann der Tanz. Ein Rasen, ein Wirbeln war das, eng umschlungen drehten sich die Paare, stießen gegeneinander, fielen zu Boden, rappelten sich auf und drehten sich erneut, bis sie taumelig auf die Bänke sanken. Ich wirbelte eine Weile mit und stellte mich dann gut sichtbar an den Eingang des Zeltes. Allein: ich blieb allein. Fast alle Männer wollten mit mir anstoßen, ich aber wartete vergeblich auf ein ganz anderes Angebot. Vergeblich.

Als die Enttäuschung sich am zweiten Hochzeitstag wiederholte, beschloss ich, hinauf zu reiten zu den entlegenen Almen, zu den huzulischen Hirten, um nachzusehen, ob sich dort oben die „freie Liebe“ noch gehalten hat. In die höheren Regionen der Karpaten nimmt man am besten ein Pferd. Die Wege sind für Fahrzeuge nicht passierbar.

„Hojo“, brüllte ich dem Gaul ins Ohr, und tatsächlich lief er los. Während wir stundenlang den Berg hinaufritten, verfluchte ich mich selbst. Wer hatte mich geheißen, in dieser gottverlassenen Gegend nach Gespenstern zu suchen? Auf dem Gipfel der Czarna Góra, des „schwarzen Berges“, lag schon der erste Schnee und aus Westen näherten sich düstere Wolken. Wir suchten Schutz in einem Fichtenwald. Roman, unser Huzulen-Führer, hatte seinen Wodka vergessen und nun schlug meine Stunde. Ich zeigte ihm meine Kräuterschnaps-Fläschchen: „Aber nur, wenn du mir die Wahrheit erzählst über die Liebe.“ Wir saßen auf einem Baumstumpf und Roman erzählte. Seine Geschichte begann wie alle schönen Märchen: Es war einmal. Und sie endete: „Wenn es so etwas heute noch gibt, dann sind das Einzelfälle. Eifersucht gibt es hier genauso viel wie anderswo.“

Schweigend ritten wir wieder ins Tal. Die Herbstsonne strahlte nach dem Schauerregen auf die dunklen Waldflächen, und aus den Hütten im Tal stieg weißer Rauch. Ein Traum.

Der Schriftsteller Joseph Wittlin muss den Untergang der huzulischen Freiheit geahnt haben. Sein Roman „Das Salz der Erde“ beginnt mit den Worten: „In die tauben Winkel der huzulischen Erde, die an Sommerabenden nach Minze duftet, in verträumte Dörfer, die an stillen Almen liegen, wo die Hirten lange Holzflöten blasen, dringt die Eisenbahn.“

Der Zug ist abgefahren.

Text: Philipp Mausshardt, Fotos: Kathrin Harms
Bilfinger Berger Magazin 1/2009