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Bilfinger BergerBilfinger Berger Magazin 1/2009

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Bilfinger Berger Industrial Services
Im Herzen der amerikanischen Ölindustrie

Fremd am Fjord

IN NORWEGEN MONTIEREN POLNISCHE SPEZIALISTEN ÖLBOHRINSELN FÜR DIE NORDSEE UND DAS KASPISCHE MEER. SIE SIND DIE GRÖSSTE AUSLÄNDISCHE BEVÖLKERUNGSGRUPPE VON EGERSUND.

Von der Kleinstadt Egersund liegt die Nordsee nur einen Uferstreifen entfernt. Es war diese Nähe zum offenen Meer, die vor mehr als Dreißig Jahren den norwegischen Aker-Konzern überzeugte, hier sein Montagewerk für Ölplattformen zu errichten. Die mehrere tausend Tonnen schweren Konstruktionen konnten so von Egersund schnell und sicher an ihren Bestimmungsort vor der Küste Norwegens und Englands geschleppt werden.

Schon am Eingang zur Werft erzählen Schilder in drei Sprachen – Norwegisch, Englisch und Polnisch – von der Herkunft der Mitarbeiter. Dreißig Nationalitäten sind auf dem Areal beschäftigt, die Polen bilden nach den Norwegern die größte Gruppe. Einhundertsechzig sind es allein bei der norwegischen Tochter von Bilfinger Berger Industri al Services (BIS), dem wichtigsten Partner von „Aker Solutions“.

DIE ZEHN GEBOTE DER WERFTARBEITER
Der Tag beginnt für Maciej Gierukas wie so oft mit einem „Safety-Meeting“. Gierukas, in Polen geboren und in Norwegen aufgewachsen, ist der Verbindungsmann zu den polnischen Mitarbeitern von BIS Norwegen. Im Besprechungszimmer sitzen zwölf Arbeiter und hören sich geduldig an, was sie schon dutzendmal gehört haben und doch nicht immer beherzigen: „Die Sicherheitsbestimmungen sind hier sehr scharf und sie sind unbedingt einzuhalten. Wir sagen euch das nicht zum Spaß. Es ist zu euerem eigenen Schutz. Wir wollen, dass ihr am Abend genauso gesund nach Hause geht, wie ihr morgens gekommen seid.“ Maciej Gierukas und ein norwegischer Kollege lesen die Mängelliste des vergangenen Tages vor, die Sicherheitsbeauftragte bei ihren Kontrollgängen aufgestellt haben: Ein Arbeiter hatte vergessen, seine Schutzbrille aufzusetzen, ein anderer war nicht vorschriftsmäßig angeseilt, ein dritter hatte einen noch nicht ganz leeren Eimer mit Farbe in den Müllcontainer geworfen. Kleinigkeiten im Grunde, „und doch sind es oft Kleinigkeiten, die Baustellen gefährlich machen – das ist nicht nur in Norwegen so“, sagt Gierukas streng. Auf der Leinwand lässt er die Powerpoint-Präsentation mit den zehn Geboten der Baustelle ablaufen. „Du sollst nicht ohne Handschuhe arbeiten. Du sollst beim Streichen eine Maske tragen. Du sollst …“

Durch die Fenster des Besprechungszimmers kann man eine riesige rote Montagehalle sehen, der Berliner Reichstag würde darin verschwinden. Auf der anderen Seite der Werft sind zwei Stahlkonstruktionen hoch in den Himmel gewachsen und, als hätte der Verpackungskünstler Christo hier vorbeigeschaut, mit weißen Plastikplanen eingehüllt. „Gegen Wind und Wetter“, erklärt Gierukas. Das größere Modul wird in wenigen Wochen an eine Bohrinsel in Norwegen geliefert, das kleinere, immerhin so groß wie ein Mehrfamilienhaus, wird eines Tages Öl vom Boden des Kaspischen Meeres pumpen.

DICKE SCHUTZANZÜGE
Die Welt unter den weißen Planen ist gespenstisch: Arbeiter in Schutzanzügen haben Flammenwerfer gegen silbern glänzende Stahlträger gerichtet. Dabei wird bei hohen Temperaturen und mit einer Geschwindigkeit von 600 Stundenkilometern eine Aluminium-Zink-Legierung auf Stahlteile gesprüht. Zwei Stockwerke höher bereiten Arbeiter einen zukünftigen Gaskessel für den Anstrich vor. Auch sie sind in dicke Schutzanzüge eingepackt, halten das Sandstrahlgebläse unter ohrenbetäubendem Lärm auf den rohen Stahl, um auch die letzten Rostflecken zu beseitigen.

VON EGERSUND NACH KASACHSTAN
In Egersund, einem bedeutenden norwegischen Fischereihafen, riecht es nicht nur nach Fisch. In Egersund riecht es auch nach Hoffnung. Mit jeder neuen Bohrinsel erhält die Menschheit eine weitere Verschnaufpause in der Energieversorgung. Denn in den vergangenen Jahren wurden Ölvorkommen vor allem „off-shore“ unter dem Meeresboden entdeckt. Der Bau solcher Ölbohrinseln ist das Kerngeschäft von Aker Solutions in Egersund. Bilfinger Berger Industrial Services ist seit Jahren mit dabei, konstruiert die Gerüste für die Montage der Module und ist zuständig für den Korrosionsschutz der neuen Plattformen, die Jahrzehnte im Salzwasser überdauern sollen.

Bis vor wenigen Jahren fertigte man in Egersund nur Plattformen für die Nordsee. Rund 160 solcher Offshore-Inseln sind vor den Küsten Norwegens und Englands derzeit in Betrieb. Doch mit einem Auftrag aus Kasachstan vor vier Jahren änderte sich die Lage schlagartig. Geologen hatten im Jahr 2000 im Norden des Kaspischen Meeres ein gewaltiges Reservoir entdeckt – das Kashagan-Ölfeld. Sein geschätztes Volumen von etwa 40 Milliarden Barrel Rohöl kann den Vergleich mit den großen Feldern im Nahen Osten aufnehmen. Ein internationales Konsortium unter der Führung des italienischen Ölmultis ENI will ab 2011 vom Grund des Meeres täglich bis zu 1,5 Millionen Barrel Öl pumpen. Aker Solutions bekam den Auftrag, Module für die Förderanlagen zu bauen.

Als Aker jedoch Mitarbeiter für seine Großprojekte suchte, zeigte sich, dass nur wenige Norweger bereit waren, ins abgelegene Egersund zu kommen. Da bot Bilfinger Berger mit seinen polnischen Tochterunternehmen Hilfe an. Die Auftragslage in Polen war gerade flau, doch die gut ausgebildeten Facharbeiter wollte man gerne im Unternehmen halten. So erhielten sie das Angebot, für einige Zeit nach Norwegen zu gehen. Dort ist der Lohn fast doppelt so hoch wie in der Heimat – da fiel die Entscheidung schon weniger schwer.

MANCHE WOLLEN LANGE BLEIBEN
Martin Andres kommt von der Arbeitsbühne herunter, als Maciej Gierukas ihn herbeiwinkt. Er ist mit einem Kollegen gerade dabei, ein etwa zwanzig Meter hohes Kashagan- Modul mit Schutzfarbe zu besprühen. Gierukas checkt mit einem Blick die Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen: Der Gurt ist gesichert, die Schutzmaske vor dem Gesicht und beide tragen Handschuhe. Eigentlich hat Andres keine Zeit für eine Arbeitsunterbrechung. Jede Minute zählt. Aber dann lässt er sich doch auf ein Gespräch ein. Seit zwei Jahren arbeitet Andres in Egersund und ist einer der Polen, die in der Stadt für lange, wenn nicht für immer bleiben wollen. Mittlerweile hat er auch seine Familie nachgeholt. Anders als ihn, sieht man die Mehrheit seiner Kollegen nur selten im Stadtbild. Sie arbeiten auf dem „Yard“ und schlafen im „Camp“, und wenn sie nicht arbeiten oder schlafen, dann fliegen sie alle vier Wochen vom nahen Flughafen in Stavanger für vierzehn Tage zu ihren Familien nach Polen zurück. Es sind moderne Wanderarbeiter mit guten Löhnen und einer „Miles&More“-Karte im Geldbeutel, um auf den vielen Flügen Bonusmeilen zu sammeln.

DEMOKRATIE STATT HIERARCHIE
Peter Matthiasen, Projektdirektor von BIS Norwegen, weiß, was er an den hochqualifizierten Teams der polnischen BISSchwestern hat: „Wir profitieren von ihrem Know-how“, sagt er und gibt unumwunden zu, dass die norwegischen und polnischen Unternehmenseinheiten auch einmal um einen guten Mann im Clinch liegen. Gemeinsam mit Odd-Bjørnar Heiland, seinem Projekt man ager in Egersund, hatte Matthiasen den Einsatz der polnischen Werft-Spezialisten vorbereitet. Eine Rund um ein führung in den norwegischen „way of life“ war angesagt: Insbesondere in einer Hinsicht sei der anders, sagt Heiland, der mit seiner selbst gedrehten Zigarette während der Arbeitspause schon mal im Kreis seiner Mitarbeiter zu finden ist: „Während die Polen genaue Instruktionen von ihren Vorabeitern erwarten, sind die Hierarchien in Norwegen flacher: Alle diskutieren mit. Bei uns ist Arbeit ein demokratischer Prozess, das muss man aber erst lernen.“

Es ist dieses Gefühl, ernst genommen zu werden, das Martin Andres bewogen hat, sich ganz auf Norwegen einzulassen. Selbst bei der Wohnungssuche war ihm sein Arbeitgeber behilflich. Maciej Gierukas fand für Familie Andres nach einigem Suchen ein schmuckes, lindgrünes Holzhäuschen, nicht weit vom Stadtzentrum entfernt. Noch gehören die Möbel dem Vermieter, aber Martin und seine Frau Katarzyna überlegen schon, wo das zweijährige Töchterchen Susanna einmal zur Schule gehen wird. „Die Großmutter fehlt uns“, sagt Martin, „dafür sehen wir für die Zukunft unserer Tochter hier viel bessere Chancen.“

HEIMWEH UND ANGLERGLÜCK
Sein Kollege Jerzy Domanski dagegen hat sich nicht aufs Bleiben eingestellt. „Kommt rein,“ sagt er, „das hier ist mein Zimmer.“ Im Camp nahe der Werft stehen auf etwa sechs Quadratmetern ein Bett, ein Schreibtisch, ein Stuhl und ein Schrank. Jerzy wirkt müde an diesem Samstagabend, er hat den ganzen Tag mit einem Sandstrahlgebläse Stahlträger gesäubert. Heiß war es in seinem Schutzanzug und stickig. Unter dem Fensterbrett steht Jerzys Laptop, er will noch ein wenig mit seinem Sohn in Polen „skypen“. Morgen wird er seine besten Kleider anziehen und nach Egersund fahren: Der polnische Pfarrer aus Stavanger liest in der Kirche die Heilige Messe. Danach wird er seine Angel nehmen und sich an das klare Wasser am Fjord setzen. 1500 Kilometer trennen ihn von zu Hause. „Dann schaue ich aufs Wasser, habe ein wenig Heimweh und bin doch glücklich.“

Text: Philipp Mausshardt, Fotos: Christoph Püschner
Bilfinger Berger Magazin 1/2009