DAS LEBEN TOBT HINTER DER FASSADE
Fast in jedem Ort der DDR gab es eine „Straße der Jugend“. Mit der Wende wurden viele umbenannt, aber 337 haben überlebt. Eine davon liegt in Cottbus, der sorbischen Minderheit wegen ist das Straßenschild zweisprachig. Einst war Cottbus wichtigster Kohle- und Energielieferant der DDR. Doch seit dem Mauerfall ist etwa ein Drittel der Einwohner abgewandert. Meist waren es junge Leute, die ihr Glück im Westen suchten. Hier lebt Therese, 17 Jahre jung, die sich an ihren Freund Thomas, 19, schmiegt. Für sie ist die Straße seit sechs Jahren Heimat, weil ihr Vater eine Stelle als Pfarrer antrat.„Ich wohne gerne hier“, sagt Therese.Von der elterlichen Wohnung sieht sie direkt aufs Jugendzentrum „Glad-House“, wie das einstige sozialistische „Klubhaus der Jugend“ heute heißt, das schon zu DDRZeiten Kult war. Regelmäßig geht Therese dort zu Konzerten oder versinkt mit Freunden zu tiefsinnigen Gesprächen in den weichen Sofas. Jährlich 70 000 Besucher verzeichnet das Jugendzentrum. Sie spielen Theater, produzieren Videos, feiern Partys oder lernen fotografieren. In der Schreibwerkstatt widmen sich siebzehnjährige Autorinnen existenziellen Fragen:Wie wäre es, ein Junge zu sein? Was wäre ich ohne Mama? Soll frau sich die Achselhaare rasieren? Als die Nachwuchsautorinnen Anfang März ihre Texte vorstellten, erinnerten sich die älteren Zuhörer plötzlich wieder, wie es ist, jung zu sein. Und dass der Blick in eine leere Straße nicht zeigt, wie lebendig es hinter den Fassaden zugehen kann.
(Text: Barbara Bollwahn, Foto: Kathrin Harms)
