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Bilfinger BergerBilfinger Berger Magazin 1/2008

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Frisches statt Fritten

BRITISCHE SCHULBEHÖRDEN HABEN DEM POMMES-KULT DEN KAMPF ANGESAGT, DENN VIELE JUGENDLICHE SIND ZU DICK. DIE HARLINGTON UPPER SCHOOL IN BEDFORDSHIRE ARBEITET AN EINER NEUEN ESSKULTUR

Elise Robinson ist 14 Jahre alt und Schulsprecherin. An der Harlington Upper School nördlich von London vertritt sie die Interessen von 1300 Jugendlichen zwischen 13 und 18 Jahren. „Früher erinnerte die Schulspeisung an eine Abfütterung im Zoo“, sagt Elise. Immer mehr Kinder nahmen am Mittagstisch teil. Mit dem Pausengong drängten wahre Heerscharen in die Kantine, Schüler rüttelten an Getränkeautomaten, Jüngere wurden von Älteren geschubst, das reinste Tohuwabohu. „Die Warteschlange war manchmal so lang, dass wir wieder gegangen sind.“

ZU FETT, ZU SALZIG, ZU SÜSS
Die Schülervertreter wandten sich an Shawn Fell, den Direktor von Harlington Upper und Shane Bagby, der die Schule für Bilfinger Berger Project Investments managt, und trafen auf offene Ohren: Eine Projektgruppe wurde ins Leben gerufen und die Schüler zum Wettbewerb aufgerufen: „Wie können wir den Mittagstisch verbessern? Wie gestalten wir die Kantine?“ Die beste Idee wollte Shane Bagby mit einem iPod belohnen.
Schülersprecherin Elise hörte sich in den Pausen bei ihren Kameraden um, die nicht nur das Gedränge beim Ansturm auf den Tresen bemängelten, auch beim Essensangebot und den Preisen wollten die Schüler mitreden. Die Zeit dafür war reif, denn quer durchs Land wurde über das Essen in den Schulen diskutiert. Starkoch Jamie Oliver hatte in seiner Fernsehshow „Jamie’s School Dinners“ auf den Tisch gebracht, was in Schulkantinen serviert wurde. Das Essen war billig, fett, zu salzig und zu süß. Im Jahr 2005 zog der Fernsehkoch mit 270 000 Unterschriften für besseres Schulessen zu Premierminister Tony Blair. Der unterstützte die Forderung genauso wie Prinz Charles. Immerhin brachte nach einer Studie des Gesundheitsministeriums jedes vierte Kind zu viele Pfunde auf die Waage. Jedes siebte wurde als krankhaft fettleibig eingestuft.

SCHÜLER HABEN JUNK-FOOD SATT
„Es gab Zeiten, da begann der Tag mit Pizza und Bratwurstspiralen“, erinnert sich Karen Chamberlain, die für Bilfinger Berger Project Investments die Küche der Harlington School managt. Schon seit 16 Jahren steht sie für Schulen am Herd. „Ich habe verschiedenste Trends erlebt“, erzählt die 48-jährige Köchin: zunächst althergebrachte warme Tellergerichte, dann die Fastfood-Welle, die seit den 1980er Jahren rollte, schließlich die Besinnung auf gesünderes Essen in den vergangenen Jahren. Als Jamie Oliver 2005 seine Initiative startete, war Karen Chamberlain schon längst so weit: Zug um Zug hatte sie Dickmacher vom Speiseplan genommen und durch gesündere Alternativen ersetzt: „Viele Jugendlichen hatten die Burger und Fritten längst satt!“ Die verbindlichen Standards für Schulessen, die 2007 auch aufgrund des Feldzugs des Fernsehkochs in ganz England eingeführt wurden, begrüßt sie: Kuchen und Kekse gibt es nur noch als Dessert zu einer vollen Mahlzeit. Burger und „sausages“, die traditionellen Würstchen, gibt es nur noch alle 14 Tage, frittierte Kost höchstens zweimal pro Woche. Die Verkaufsautomaten mit Süßigkeiten und Limonade wurden entfernt, die großen Ketchupflaschen auf den Tischen entsorgt.
„Gesund essen“ bedeutet an britischen Schulen nicht, dass Grünkernbratlinge mit Tofu angesagt sind, sondern dass insbesondere Zucker, Salz und Fett reduziert werden und neben Sandwiches auch warme Mahlzeiten im Angebot sind. Karen Chamberlain bedient sich der Trickkiste, um Schülern darüber hinaus Gesundes schmackhaft zu machen. Sie weiß, dass kaum ein Kind in der Kantine zu einem Apfel greift, also bietet sie Obstsalat und gezupfte Trauben im Schälchen an: „Seither greifen sie zu!“ Auch bei der Auswahl von Speisen beteiligt sie die Jugendlichen. Als Karen beschloss, Fleischwaren nur noch bei Bauern im Umland zu kaufen, suchten die Schüler die leckersten Würstchen bei einer Verkostung selbst aus.

DIE KANTINE IST JETZT EIN KUNST-CAFÉ
Zwölf Uhr, Lunch-time. Die Tür zur Kantine schwingt auf, die Jugendlichen in ihren dunklen Schuluniformen drängen herein, stürmen die langen Tische wie die Zauberschüler der Harry-Potter-Filme. „Gentlemen, setzt euch bitte hin!“, ruft eine Lehrerin und dirigiert einen Pulk Halbwüchsiger Richtung Tische. Um den mittäglichen Ansturm zu bewältigen, bietet Harlington Upper jetzt zwei Essenstermine an. Aufsichtslehrer kümmern sich darum, dass alle Kinder einen Platz finden, wer warten muss, reiht sich an einem eigens eingebauten Geländer auf: eine Idee der Schüler – ebenso wie Einrichtung und Gestaltung der Kantine. Die hellen Holztische und soliden Metallbänke haben die Jugendlichen ausgesucht. Shane Bagby hatte einfach den Möbelkatalog von Bilfinger Berger Project Investments mitgebracht. Der Raum ist hellblau gestrichen und heißt „Café d’Art“. An den Wänden hängen Pop-Art-Poster von Warhol und Lichtenstein.

DER BURGER-STAND IST ABGEBAUT
Immer wieder kommen nun auch Schüler mit neuen Menüvorschlägen in die Küche. Schulsprecherin Elise findet die Auswahl an Speisen inzwischen „sehr gut“. Und Karen Ansell aus der Oberstufe fügt an: „Wir wollen uns ja gesund ernähren. Am besten ist, wenn wir gar nicht erst in Versuchung geführt werden.“ Deshalb findet es die 17-Jährige „okay“, dass die Schokolade-Automaten abgebaut wurden. Doch nicht nur die Jugendlichen, auch Karen Chamberlain musste einiges lernen, bevor sie zur Gesundheitsköchin wurde: „Früher haben wir für die Kinder sogar Burger-Bars aufgebaut“, berichtet sie kopfschüttelnd. „Und als wir einen neuen Tiefkühlschrank von einem Hersteller für Fertigkost gesponsert bekamen, fiel keinem von uns etwas auf.“

(Text: Kirsten Wörnle, Fotos: Rainer Kwiotek)