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Marcel Schmittfull, 20
Marcel Schmittfull, 20

“Ich weiß noch nicht viel”

MARCEL SCHMITTFULL, 20, IST EIN ZURÜCKHALTENDER JUNGER MANN. ALS EINZIGER HAT ER DREIMAL DEN BUNDESPREIS BEI „JUGEND FORSCHT“ GEWONNEN.

Marcel Schmittfull, wann entdeckten Sie, dass Mathematik und Physik Ihre Leidenschaften sind?
Von der ersten Klasse an habe ich immer mit höheren Zahlen gerechnet als die anderen. Die Lehrer gaben mir extra schwere Knobelaufgaben. Ich hab sogar am Nachmittag weiter gerechnet, einfach so zum Spaß.

Wann wurde der Spaß zum Ernst?
Mit zehn zu Hause am Familien-Computer. An dem übte ich Rechenaufgaben. Mit 13 habe ich Internetseiten programmiert.

Wie oft?
Jeden Tag. Ich hab nie gechattet, Spiele gespielt, auch nicht gesurft. Ich habe programmiert und Physik gelernt.

Dann waren Sie wohl ein Musterschüler?
Nein. Ich hatte auch schwache Fächer. Sprachen liegen mir nicht und Kunst ist mir verhasst.

Jungs spielen Fußball, gehen ins Kino. Sie nicht?
Ich habe mich lieber mit geometrischer Optik befasst, beispielsweise berechnet, wie Licht durch Linsen gebrochen wird.

Damals ist auch Ihr Physiklehrer auf Sie aufmerksam geworden. Wie kam das?
Ich wollte ihm per E-Mail eine Frage stellen und habe für das bessere Verständnis mit einer Software eine geometrische Konstruktion entwickelt und angehängt. Er war begeistert und schlug mir vor, am Wettbewerb „Schüler experimentieren“ teilzunehmen.

Offenbar mit Erfolg, denn ein Jahr später haben Sie den „Kanzlerpreis“ bei „Jugend forscht“ bekommen. Was war Ihr Projekt?
Wenn ich einen Fußball gegen eine Mauer schieße, prallt er ab und kommt zurück. In der Quantenmechanik ist das anders: Ein Teilchen geht mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit durch die Mauer. Das ist der Tunneleffekt: Das Teilchen „tunnelt“ durch eine Wand, obwohl seine Energie dafür eigentlich zu niedrig ist. Ich habe das am Computer simuliert und visualisiert.

Konnten Sie Gerhard Schröder das verständlich machen während Ihrer Einladung ins Kanzleramt?
Ich bin mir nicht sicher. Er hat gelacht.

Welchen Sinn hat so eine Visualisierung?
Man kann damit grafisch quantenmechanische Lösungen finden.Und man hat ein Stück Physik auf dem Computer, ich finde das schön.

Zwei Jahre später haben Sie mit Ihrem Freund Jörg Metzner die physikalischen Grundlagen des Bauchredens erforscht und wieder den Bundespreis erhalten. Wie kamen Sie auf die Idee?
Ich habe mich viele Jahre gefragt, wie das geht. Es gibt so gut wie keine Literatur darüber. An der Frankfurter Uni informierten wir uns über Gesetze der Akustik und besuchten dann den Bauchredner Patrick Martin, der bei Nürnberg eine Bauchrednerschule betreibt.Wir haben ein Video aufgenommen und seine Sprache analysiert. Wir erklären physikalisch, wie ein bestimmter Buchstabe entsteht.

Was haben Sie herausgefunden?
Ich weiß nun, wie es geht. Der Bauchredner hat uns das Prinzip erklärt und wir haben es veranschaulicht mit einem Programm,mit dem man Zunge, Zähne, Lippen, Gaumen und Hals verschieben und Bauchreden simulieren kann.

Entsteht der Ton nicht im Zwerchfell?
Nein.

Also ist der Begriff Bauchredner falsch, weil diese Leute gar nicht mit dem Bauch reden?
Ich darf das Geheimnis nicht verraten, das musste ich versprechen – nein schwören. Es ist wie mit dem Zaubern. Der Trick wird nie verraten.

Seit anderthalb Jahren studieren Sie Physik in Tübingen und arbeiten außerdem am Max-Planck-Institut, wie haben Sie das geschafft?
Ich bin nur wissenschaftliche Hilfskraft, das mach ich in meiner Freizeit. Ich schau zu, was die Wissenschaftler forschen und helfe ihnen mit Rechenarbeiten, die für sie selbst Zeitverschwendung wären. Aber ich lerne natürlich auch viel dabei. Mein Projekt dreht sich darum, Maschinen beizubringen, Muster zu erkennen. Es ist das gleiche Prinzip wie bei Computern, die Postleitzahlen lesen oder Sprache erkennen können.

Immer nur rechnen geht doch nicht. Wie können Sie am besten entspannen?
Vielleicht wenn ich mit meiner Freundin einen Film anschaue. Aber bisher war kaum Zeit dafür und jetzt lerne ich aufs Vordiplom, es geht um Mechanik. Um abstrakte Prinzipien, mit denen man komplizierte Aufgaben lösen kann. Zum Beispiel: Wie funktioniert ein Doppelpendel? Das ist ein Pendel, an dessen Ende ein zweites hängt.

Lesen Sie gerne Krimis oder Romane?
Meist Fachbücher. Am liebsten über theoretische Physik.

Hatten Sie mal einen anderen Berufswunsch, als Physiker zu werden?
Astronaut, Zirkusdirektor, Politiker? Nein.

Und wenn Sie gezwungen wären, einen anderen Beruf zu ergreifen, welcher wäre das?
Mathematiker.

Kennen Sie Ihren IQ?
Nein, der interessiert mich nicht.

Worüber unterhalten Sie sich mit Ihrer Freundin?
Über ganz Normales. Sie studiert Biologie, das interessiert mich auch. Aber während des Semesters ist der Leistungsdruck hoch, oft sitze ich das ganze Wochenende über einer einzigen Aufgabe und rechne.

Wie alt fühlen Sie sich?
Nicht älter, als ich bin. Ich weiß noch wenig, bin noch ganz am Anfang und sauge alles auf wie ein Schwamm. Dann denke ich nach und verstehe. Es ist kein Auswendiglernen wie bei Medizin oder Jura. Das könnte ich nie.

Welchen Physiker bewundern Sie?
Ich muss erst mehr wissen. Aber Stephen Hawking ist schon sehr beeindruckend.

Auch Bundespräsident Horst Köhler hat Sie empfangen. Genießen Sie es, im Rampenlicht zu stehen?
Ehrlich gesagt, ich war jedes Mal froh, wenn es vorbei war.

In Ihrem Heimatort Geldersheim sind Sie so bekannt wie ein bunter Hund.
Das bedeutet mir nicht so viel, im Gegensatz zu meiner Oma. Die wird ständig auf mich angesprochen und ist natürlich sehr stolz ist auf ihren Enkel.

(Interview: Uschi Entenmann, Foto: Yvonne Berardi)