Dass uns bei Krankheit medizinische Versorgung zuteil wird, ist in Europa selbstverständlich. In vielen Ländern der Welt ist das anders. Die wenigsten Menschen können es sich leisten, einen Arzt in Anspruch zu nehmen, und Hilfe ist oft viele Wegstunden entfernt. Der Reporter Bernd Hauser war in Äthiopien unterwegs und ist Menschen begegnet, die eine ganz außergewöhnliche Chance auf ein neues Leben erhielten: Sie wurden in den Kliniken der Stiftung „Menschen für Menschen“ medizinisch versorgt. Ihre Geschichten hat er aufgeschrieben.
 “Ich möchte studieren, Arzt werden: Das ist mein Traum.“ | | Muhmad Abdi, 16 Jahre Ich komme aus Babile im Osten Äthiopiens. Als ich klein war, bekam ich Kinderlähmung. Meine Kniegelenke wurden steif. Die Schule lag eine halbe Stunde zu Fuß entfernt. „Du kannst nicht hin“, sagte meine Mutter. Viele Jahre habe ich auf sie gehört. Ich verbrachte die Tage in unserer Hütte, war unglücklich und wütend. Aber eines Morgens ging ich los. Auf den Händen. Ich stützte sie auf und zog meine nutzlosen Beine hinter mir her. Zwei Stunden dauerte es, dann hatte ich mich zur Schule geschleppt. Dort saß ich ab jetzt jeden Tag. Ich war begierig, endlich zu lernen. Der Lehrer hatte mich, den 12-Jährigen unter all den Erstklässlern, in die hinterste Bank gesteckt. Aber ich meldete mich ständig, ich wollte etwas aus mir machen. Schließlich schickten mich die Leute von „Menschen für Menschen“ nach Addis Abeba. Dort wurde ich operiert. Sechs Monate war ich im Krankenhaus und lernte langsam mit Hilfe von Krücken zu gehen.Heute lebe ich im Schülerwohnheim von „Menschen für Menschen“ und besuche die weiterführende Schule. Ich möchte studieren. Arzt werden: Das ist mein Traum. |
 „Nach Hause müssen wir eineinhalb Tage laufen, aber das macht nichts.“
| | Beletu Aialeke, 8 Jahre Ich war frühmorgens unterwegs, um Feuerholz zu sammeln. Da kam plötzlich ein wilder Hund. Ich hatte Angst, rannte weg und stürzte einen Abhang hinunter. Ich fiel nicht besonders tief, aber auf dem Boden waren scharfe Steine. Ich blutete sehr, ein tiefer Schnitt ging von meinem Mund bis zum Kinn. Meine Freundin rannte nach Hause und holte meinen Vater. Später sagte er, dass er dachte, ich müsse sterben. Vater brachte mich in einem gemieteten Auto ins Krankenhaus von „Menschen für Menschen“ in Alem Katema. Der Besitzer verlangte dafür 300 Birr. Für so viel Geld muss mein Vater zwei Monate lang arbeiten. Ich weinte die ganze Zeit, bis wir im Krankenhaus waren. Dort bekam ich Spritzen gegen die Schmerzen. Ein Arzt nähte mich, danach musste ich neun Tage hier bleiben.Mein Vater war immer bei mir. Er wird einen unserer beiden Ochsen verkaufen, um den Autobesitzer zu bezahlen. Wenn er nun pflügen will, dann muss er bei unserem Nachbarn einen Ochsen ausleihen und dafür bezahlen. Trotzdem ist er nicht böse. Er sagt, er sei so glücklich, dass es mir wieder gut geht. Heute werde ich entlassen. Dieses Mal werden wir aber nicht im Auto fahren.Wir müssen eineinhalb Tage laufen. Aber das macht nichts. Ich freue mich auf zu Hause. |
 „Ich bin einfach dankbar, dass ich jetzt ein halbwegs normales Leben führen kann.“
| | Muhammed Dedschen, 34 Jahre Ich war früher Bauer. Vor sieben Jahren wollte ich ein Warzenschwein von meinem Maisfeld verjagen, doch das Schwein griff an und biss mich ins Bein. Die Wunde sah zunächst nicht schlimm aus, aber dann entzündete sie sich. Schließlich machte ich mich auf nach Addis Abeba, das sind vier Stunden mit dem Bus. Dort würde ich Hilfe bekommen, dachte ich. Aber ich täuschte mich, denn ich hatte zu wenig Geld und die Ärzte wiesen mich ab. Ich fuhr zurück nach Hause. So verlor ich meinen Unterschenkel. Ich konnte nicht mehr auf dem Feld arbeiten. Deshalb verließ mich meine Frau und nahm die Kinder mit: Hassan war damals gerade neugeboren, meine beiden Mädchen waren zwei und sechs Jahre alt. Ich lag in der leeren Hütte, zwei Jahre lang, mehr schlecht als recht versorgt von Verwandten: Die Wunde schloss sich einfach nicht. Vor drei Jahren hörte ich von der Gesundheitsstation von „Menschen für Menschen“. Ich ging hin und zum ersten Mal sah sich ein Krankenpfleger mein Bein an. Nach einigen Wochen schloss sich die Wunde. Danach schickten mich die Ärzte nach Addis Abeba. Dort bekam ich eine Prothese angepasst und lernte damit zu gehen. Ich habe wieder geheiratet.Mulu, meine neue Frau, ist Tagelöhnerin. Sie ist eine gute Frau.Wenn sie irgendwo arbeiten kann, bringt sie am Abend sieben Birr (70 Eurocent) mit nach Hause. Ich selbst habe nur die Möglichkeit, für Bekannte in deren Läden zu stehen, dafür geben sie mir pro Tag zwei Birr (20 Eurocent).Wir haben viel zu wenig Geld, aber ich bin einfach dankbar, dass ich jetzt ein halbwegs normales Leben führen kann. |
 “Ich erkannte meinen Jüngsten sofort. Ich weinte vor Glück.“
| | Abater Derse, 59 Jahre Ich hatte zehn Kinder. Meine erwachsenen Söhne gingen weg von zu Hause, um in den Städten Arbeit zu suchen. Sie sind alle gestorben, ich weiß nicht woran. Siebenmal die Nachricht vom Tod eines Sohnes! Die vielen Tränen waren Gift für die Augen.Vor vier Jahren sah ich noch, wie mein Jüngster, den mir meine zweite Frau gebar, laufen lernte. Dann sah ich nichts mehr, vier lange Jahre. Ich konnte nicht mehr arbeiten, lag in der Hütte, schlief oder betete zu Gott, er möge mir mein Augenlicht zurückgeben. Schließlich erzählte mir jemand von einer neuen Krankenstation in Rema, einer Stadt in der Nähe.Meine Frau führte mich hin. Der Arzt sagte, ich hätte den „Grauen Star“ und gab mir einen Operationstermin. Als er mir zwei Tage nach der Operation die Augenbinde abnahm, sah ich zuallererst die Uhr an seinem Handgelenk. Ich sagte: „Sie haben eine Uhr an!“, und der Arzt lachte. Ich sah lediglich verschwommen, doch eine Frau im Krankenhaus gab mir auch eine Brille. Damit sah ich wieder scharf. Als ich nach Hause kam, rannten Kinder auf mich zu. Mein Jüngster war darunter: Er war nun sechs Jahre alt und ein richtiger Junge, nicht mehr das zweijährige Kleinkind. Aber ich erkannte ihn sofort. Ich weinte vor Glück. |