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Bilfinger BergerDer Slum von Nairobi

Slum City
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Literaturtipp:
Mike Davis: Planet der Slums.
Berlin 2007

Slum City

KIBERA IN NAIROBI IST EINE DER GRÖSSTEN ELENDSSIEDLUNGEN AFRIKAS – KNAPP EINE MILLION MENSCHEN LEBEN DORT. WELTWEIT WOHNEN EINE MILLIARDE MENSCHEN IN SLUMS. IN 20 JAHREN KÖNNEN ES DOPPELT SO VIELE SEIN. GIBT ES AUSWEGE AUS DIESER ENTWICKLUNG?

Wer sagt, Kibera sei ein Armenviertel, schmeichelt diesem Ort. Kibera ist viel weniger als das. Es ist Schlamm, Müll und Gestank. Eine Jauchegrube, vollgestopft mit Menschen. Auf der Anhöhe über Soweto, einem der elendesten Teile dieser Elendsstadt, kann man es hören: Über den Lehmhütten unten im Tal liegt ein Teppich aus Gemurmel. Fast feierlich klingt das, wie das Geplauder im Foyer eines Opernhauses während der Pause. So dicht, wie sich die Opernbesucher einer ausverkauften Vorstellung im Foyer drängen, so dicht gedrängt leben die Menschen in Kibera. In einem Raum, vielleicht drei mal vier Meter groß, wohnen zehn, zwölf, 15 Menschen. Man fragt sich, wie sie alle einen Schlafplatz finden.

JEDES ZIMMER IST EINE WOHNUNG
Kibera hat keine Straßen und Wege. Nur Zwischenräume, die zufällig übrig blieben, nachdem die Häuser gebaut waren. Manchmal sind sie so eng, dass sich gerade noch Kinder durchzwängen können, manchmal so steil, dass sie nach einem Regenguss zu glitschigen Schlammrutschen werden. Die Gebäude sind langgestreckt, die Wände aus einem mit Lehm verschmierten Gerüst aus Prügeln, darüber ein vom Rost rotes Wellblechdach. Ein Zimmer reiht sich ans nächste, fünf, acht oder zehn in einem Haus. Aus jedem Raum führt eine Tür nach draußen. Jedes Zimmer ist eine Wohnung. Es gibt kein Wasser und keinen Strom, und nur die wenigsten dieser Mietshäuser haben eine Latrine. Die meisten Bewohner von Kibera verrichten ihre Notdurft in sogenannte „fliegende Toiletten“.
Das ist ganz wörtlich zu nehmen: Man verrichtet seine Notdurft in eine Plastiktüte und wirft sie in hohem Bogen weg. Meist landet sie beim Nachbarn vor der Tür.
Kibera ist auf keiner Landkarte verzeichnet. Das Land, auf dem der Ort gebaut wurde, gehört dem Staat. Nie wurden Grundstücke ausgewiesen, nie Baugenehmigungen erteilt. Und doch lebt rund ein Viertel der drei Millionen Einwohner von Kenias Hauptstadt Nairobi dort, nach offizieller Schätzung zwischen 500 000 und 900 000 Menschen. Es ist der weitaus größte der 135 Slums von Nairobi und einer der größten der Welt.

KEIN ZUGANG ZU TRINKWASSER
Lange Zeit wusste man nur, dass es überall in der armen Welt Slums gibt. Aber es ist erst knapp fünf Jahre her, dass eine internationale Konferenz in Nairobi definiert hat, was ein Wohnquartier zum Slum macht: kein Zugang zu Trinkwasser und/oder sanitären Anlagen, unsichere Besitzverhältnisse, Gefährdung durch Umwelteinflüsse und weniger als fünf Quadratmeter Nutzfläche pro Person. Ist eines dieser Kriterien erfüllt, spricht UN-Habitat, das Siedlungswerk der Vereinten Nationen, von einem Slum.
Auf dieser Basis hat UN-Habitat den ersten weltweiten Bericht über solche Elendsviertel erarbeitet. Das Ergebnis: Derzeit wohnen rund eine Milliarde Menschen in Slums. Kommt es zu keinem grundlegenden wirtschaftspolitischen Richtungswechsel, werden es in 20 Jahren zwei Milliarden sein.

PRO PERSON EIN QUADRATMETER PLATZ
Zuleika Anisa wohnt in einer Wohnung, die alle Kriterien der UNO-Definition erfüllt: kein Wasser, kein Strom, keine Toilette. Das Haus steht an einem erdrutschgefährdeten Hang. Ihr Zimmer hat vielleicht 15 Quadratmeter und ebenso viele Menschen wohnen dort: sie, ihre Schwägerin, deren Schwester und die drei Männer der Frauen. Dazu neun Kinder. „Ich wohne in Kibera, weil ich mir etwas anderes nicht leisten kann“, sagt Anisa. Ihr Mann ist Handlanger bei der Post, alle anderen in der Großfamilie sind arbeitslos. „Die Männer finden ab und zu ein bisschen Arbeit auf dem Bau. Und ich gehe Feuerholz sammeln, um es zu verkaufen. Man muss immer weiter hinaus, um Brennholz zu finden.“ Rund um Kibera stehen nur noch wenige Akazien. Kein Strauch mehr, kein Busch, nicht einmal Gestrüpp. Alles wurde längst verfeuert. Ökologisch gesehen ist das Areal eine Wüste. Das Flüsschen, das mitten durch die Siedlung fließt, ist eine stinkende Kloake von undefinierbarer Farbe.
Anisa, 26, und ihr Mann waren die ersten aus der Großfamilie, die aus dem Westen Kenias in die Hauptstadt zogen. Dort, wo sie herkommen, gibt es noch weniger Hoffnung auf Arbeit. „Wenn du keine Arbeit hast, hast du kein Geld und kannst dir keine Kleider und keine Schuhe kaufen.“ Das zumindest hat sie sich in Kibera schon bald leisten können. Und als sie das erste Mal an Weihnachten zurück in ihr Dorf im Stammesgebiet der Luo fuhr und sie passable Kleider hatte und ihr Mann seine Freunde zum Schnaps einladen konnte, da entschlossen sich auch ihre Schwägerin und deren Schwester,mit Männern und Kindern nach Kibera zu kommen. 400 Kenia-Schilling im Monat bezahlen sie für das Zimmer, umgerechnet gut vier Euro. Dazu kommen fünf Schilling für jeden 20-Liter- Eimer Wasser. Das hört sich nach wenig an, ist aber viel:„Wenn wir 3000 Schilling (gut 30 Euro) im Monat hätten, würde es reichen“, rechnet Anisa. „Aber das haben wir nicht immer.“

NÄCHTLICHE ÜBERFÄLLE
Wenn die Nacht über Kibera hereinbricht, wird es still. Dann ziehen Banden von Jugendlichen durch den Slum, bewaffnet mit Messern und Macheten. „Nach sieben Uhr abends geht keiner mehr aus dem Haus“, sagt Anisa. „Jeder ist hier schon einmal überfallen worden.“ Selbst in den Häusern ist es nicht sicher. „Sie klopfen an die Tür und zeigen dir einen Polizeiausweis, aber der ist gefälscht.Wenn du sie nicht hereinlässt, treten sie die Tür ein. Sie nehmen alles mit, was du hast.“ Die Öllampe, das verbeulte Blechgeschirr, den zusammengenagelten Tisch und die Hocker, die dünnen fleckigen Matratzen.
In Afrika hat der Verstädterungsprozess viel später eingesetzt als etwa in Lateinamerika. Dort leben heute fast 80 Prozent der Menschen in Städten. Bevölkerungswissenschaftler gehen davon aus, dass damit die Umschichtung zwischen Stadt und Land weitgehend abgeschlossen ist. Die Slums in Lateinamerika wachsen kaum mehr. In Afrika und Asien dagegen leben erst zwischen 30 und 40 Prozent der Bevölkerung in urbanen Gebieten. Nach Prognosen der UNO wird sich die Einwohnerzahl der Städte auf diesen beiden Kontinenten in den kommenden 15 Jahren verdoppeln. Die Slums werden weiter ausufern.

EXPLOSIONSARTIGES WACHSTUM
Das explosionsartige Wachstum der afrikanischen Elendsviertel ist laut UN-Habitat eine Folge der Politik von Weltbank und Internationalem Währungsfonds. In den 1960er Jahren noch waren die armen Länder aufgefordert worden, Handelsschranken zu errichten. Hinter deren Schutz sollte sich eine eigene Industrie entwickeln. Die Regierungen finanzierten mit geliehenem Geld Investitionsprogramme und steuerten damit geradewegs in die Schuldenkrise. Seit dem Beginn der 1980er Jahre wird gegengesteuert: Handelsschranken werden abgebaut, die armen Länder in den Weltmarkt integriert. Der Staat soll sich aus der Wirtschaft zurückziehen. Privatisierungen und die Schließung unrentabler Betriebe sind die Folge.
Allein in den 1980er Jahren hat der Internationale Währungsfonds den afrikanischen Ländern 156 Strukturanpassungsprogramme verordnet. Die Bilanz laut UN-Habitat: „Die öffentlichen Etats sind ausgeglichen, aber die langfristige Perspektive ist düster.“ Die schutzlos dem Weltmarkt ausgelieferte städtische Industrie war nicht konkurrenzfähig und ist zusammengebrochen. Die ländliche Lebensmittelproduktion wurde industrialisiert und auf Agrarexporte umgestellt. Das dort verdiente Geld wird dazu benutzt, die zuvor angehäuften Schulden zu bedienen. Die Agrarindustrie aber benötigt weniger Arbeitskräfte als vorher die kleinbäuerliche Landwirtschaft. So ziehen die Menschen auf der Suche nach Arbeit vom Land in die Stadt – und treffen dort auf die entlassenen Industriearbeiter. Alle zusammen enden in den Elendsvierteln. Im Grunde funktioniert ein Slum wie Kibera nach liberalen Wirtschaftsgesetzen: Alles, was privat getan werden kann, darf der Staat nicht tun. Die Elendshütten wurden von Privatleuten gebaut. Die Bewohner von Kibera nennen sie „Landlords“, obwohl diese das Land, auf dem die Unterkünfte stehen, gar nicht besitzen. Die Lehmbuden sind schnell amortisiert, danach wird nur noch verdient. Kann ein Mieter nicht bezahlen, kommen die Helfer des Landlords: kräftige junge Männer mit verspiegelten Sonnenbrillen. Die werfen die säumigen Mieter aus dem Zimmer. Der Nachmieter wartet schon.
In Jakarta, Harare und anderen Großstädten haben Regierungen versucht, solche Zustände zu beseitigen, indem sie Elendsviertel einfach abrissen. Die Erfahrung zeigt, dass sie dann an anderer Stelle neu entstehen. Trotzdem sind Slums nicht dazu verurteilt, immer weiter herunterzukommen. Sie können, hat das UNO-Siedlungswerk festgestellt, in Zusammenarbeit mit den Bewohnern verbessert und zu menschenwürdigen Wohngegenden werden. Der Staat muss nur für die nötigste Infrastruktur sorgen. Und er muss den Bewohnern Besitztitel über den Boden geben, auf dem sie hausen.Wenn Slumbewohner wissen, dass sie niemand vertreiben wird, investieren sie in ihre Behausungen.

STAATLICHE FÖRDERUNG IST WICHTIG
Noch gibt es nur wenige Beispiele für solche Entwicklungen. In San Salvador etwa, der Hauptstadt des mittelamerikanischen El Salvador: Dort war in den 1980er Jahren an einer Flussböschung der gut 10 000 Einwohner zählende Slum La Chacra entstanden. Es sah kaum besser aus als in Kibera und war nicht weniger gefährlich. Es ist noch keine zehn Jahre her, dass das Bürgermeisteramt das Land parzellierte und an die Bewohner übergab. Strom wurde gelegt und Wasser- und Abwasserleitungen. Seither stecken die Leute in La Chacra jeden übrigen Cent in ihr Viertel. Heute stehen dort keine Hütten mehr aus Karton und Plastikplanen, sondern bunt gestrichene kleine Steinhäuschen. Die Wege wurden in Eigeninitiative gepflastert. Die Kriminalität ging drastisch zurück. La Chacra ist kein Slum mehr wie Kibera, sondern eine Wohngegend der unteren Mittelschicht.

(Text: Toni Keppeler, Fotos: Thomas Omondi)