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Bilfinger BergerLeben in der Rentnerstadt

Sun City

IN DEN USA WERDEN RENTNERSIEDLUNGEN IMMER MEHR ZU EINER WOHN- UND LEBENSALTERNATIVE FÜR HUNDERTTAUSENDE VON MENSCHEN

Ken und Carol Pierick leben in einer Stadt, in der nie ein Kinderfahrrad vor einer Garage liegt, weil nur Wohnrecht hat, wer 55 Jahre oder älter ist. Ken und Carol Pierick, 71 und 70 Jahre alt, leben in Sun City, einer „Retirement Community“ am Rand von Phoenix, Arizona. Für die Piericks ist Sun City der„beste Ort zum Leben“, und es ist wohl ihr letzter Wohnort.
Sun City ist keine gewachsene, vielfältig strukturierte Stadt, sondern eine reine Wohnsiedlung, am Reißbrett entworfen und innerhalb weniger Jahre aus dem sandigen Boden gestampft, bebaut mit eingeschossigen Häusern aus dem Modellkatalog. Sun City ist eine Traumwelt, in der die Rasen weicher als Teppiche sind und die Golfcarts mit ihren leisen Motoren über die Straßen surren.
Als 1960 am Rand von Phoenix das erste Sun City für 46 000 Rentner entstand, galt es als sozialpolitische Wohltat für eine Generation, in der viele krank vom Krieg und ausgelaugt von der Arbeit waren; unter der Sonne Arizonas wollten sie ihren Lebensabend in Ruhe genießen, und Del Webb, der innovative Grundstücksentwickler, schaffte es dafür auf die Titelseite des „Time Magazine“. 1978 folgten jenseits der Ausfallstraße Sun City West für weitere 31 000 Ruheständler und 1996 Sun City Grand für noch einmal 18 000 Menschen. Hier leben auch Ken und Carol Pierick.
Die Piericks kennt hier jeder. Man sieht sie auf dem Fahrrad und beim Pickleball, einer Art Seniorentennis mit Holzschlägern und Plastikbällen. Ken gründete den Fotoclub, den Computerclub und den Tischtennisclub, und er spielt in zwei Bands, den „Senior Moments“ und den „Pepperonis“. Carol spielt mit Freundinnen regelmäßig Bridge, sie ist im Nähclub und jetzt auch noch in einer Nachbarschaftshilfe engagiert.„Als Carol einmal schwerkrank im Bett lag, quoll unser Kühlschrank über von Hühnchensuppe aus der Nachbarschaft“, erzählt ihr Mann gerührt.

BIS ZUM LETZTEN DOLLAR
Ken und Carol sind seit 15 Jahren Rentner, und das Programm ihres Ruhestands lautet: „An unserem letzten Tag wollen wir unseren letzten Dollar ausgegeben haben.“ Carol war Lehrerin und Maklerin, Ken Computerspezialist, bis ihm mit 55 nahegelegt wurde, doch besser zu gehen. Die Piericks nahmen die Abfindung, verkauften Haus, Auto und Möbel und wurden Besitzer eines Zwölf-Meter-Segelboots. Fünf Jahre kreuzten sie vor der Küste Kaliforniens und Mexikos,während der Hurrikan- Zeit überführten sie Autos von West nach Ost, von Ost nach West, „mit nur einem Koffer als Gepäck“. Als sie segelmüde waren, verkauften sie das Boot, klapperten zig Ruheständler-Siedlungen ab und blieben in Sun City Grand, das sie oft für ausgedehnte Reisen verlassen.
Die meisten Bewohner von Sun City gehören zur Generation der Babyboomer. Das sind die Jahrgänge zwischen 1946 und 1964, in denen in den westlichen Industrieländern so viele Menschen geboren wurden wie nie zuvor. In den USA waren es während dieser 18 Jahre 78 Millionen Amerikaner. Diese beispiellose Kinderwelle brandet seit der Jahrtausendwende als Altenwelle an. Aber es sind nicht die müden und mürben Alten der Generationen zuvor, es sind die „active adults“, zu deren prominentesten Vertretern Bill Clinton, Elton John oder Dolly Parton zählen. Babyboomer sind in ihrer großen Mehrheit in Wachstum und Wohlstand aufgewachsen, sie haben Materialismus und Individualismus so verinnerlicht wie ihre Eltern den Mangel und Familiensinn. Sie sind so gesund und so wohlhabend und können mit einer so hohen Lebenserwartung rechnen wie keine Generation vor ihnen.

DIE GROSSEN ZEITEN KOMMEN ERST
An ihrem Arbeitsplatz mögen sie – wie Ken Pierick – als „alte Eisen“ aussortiert werden, doch für die Gesamtwirtschaft bilden sie eine so kaufkräftige wie konsumfreudige Gruppe, die keine Branche ungestraft ignoriert: Bis zum Jahr 2020 sollen nach Berechnungen der US-Behörden 97 Millionen Amerikaner 55 Jahre und älter sein; 7900 Babyboomer erreichen pro Tag diese Altersgrenze, und nach Marktstudien beabsichtigen 60 Prozent von ihnen, vor oder kurz nach ihrem Abschied aus dem Berufsleben noch einmal umzuziehen. Sie kaufen Häuser und Autos, gehen oft ins Restaurant und zum Friseur und machen Einlagen auf der Bank. Bevor sie massenhaft zu Stützstrümpfen, Gehhilfen und Schnabeltassen greifen, kaufen sie Golfschläger, Gartenmöbel und Hanteln. Sun City ist deshalb überall in den USA. Es gibt Hunderte von „Retirement Communities“, kleine exklusive Siedlungen für wenige Hundert Bewohner und gigantisch große wie die Sun Cities bei Phoenix, die meisten davon im warmen Süden des Landes. Und die großen Zeiten kommen erst noch.
In den Rentnersiedlungen wohnen nicht die Reichen und Superreichen, nie würden die in genormte, dicht an dicht stehende Häuser ziehen. In den Rentnersiedlungen wohnt Amerikas weißer Mittelstand, Menschen wie Ron Woodward, 57. Mit seiner Frau bewohnt er seit vier Jahren eines der größten Häuser in Sun City Grand, und bestimmt könnte sich das Paar auch eines in Scottsdale leisten, dem Nobelviertel von Phoenix. Ron Woodward war Direktor bei IBM, er reiste durch die Welt, und als ihm die Firma im Alter von 51 Jahren einen „goldenen Fallschirm“ aufspannte, sprang er. Aber nicht zurück nach Seattle. „Eine wunderbare Stadt, ideal für Singles und Familien, aber nicht für ein verheiratetes Paar in unserem Alter“, meint Woodward. „In einer normalen Stadt mit einer gemischten Nachbarschaft bist du doch umso isolierter, je älter du wirst. Um Menschen deines Alters und mit ähnlichen Interessen zu treffen, verbringst du Stunden im Auto. Am Ende bleibt vielen doch nur noch der Alkohol oder das Fernsehgerät.“ In Sun City dagegen gehe er einfach über die Straße, um Nachbarn einzuladen, mit ihnen zum Schwimmen zu gehen, zum Essen, zum Golfen,zum Softball spielen, zu Sprachkursen der Universität … Oder ins Fitness-Center, nur ein paar Blocks entfernt. Oder ins Sundome-Theater, mit 7000 Plätzen eines der größten in den USA, in dem Bob Dylan und Paul Simon, Diana Ross und die Gruppe „Chicago“ spielten und noch spielen. „Wir sind eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die denselben Lifestyle pflegen“, bilanziert Ron Woodward,„und die Auswahl an Weiß- und Rotweinen ist hier auch besser.“

MISS-WAHLEN ZUM ZEITVERTREIB
Nicht mal auf Miss-Wahlen muss jemand verzichten, auch wenn sich Sharon Austin, 62, geschieden, Mutter von vier erwachsenen Kindern und achtfache Großmutter, im Wettbewerb „Ms. Senior Arizona 2007“ nicht durchsetzen konnte gegen 16 andere Frauen zwischen 60 und 71 Jahren, darunter eine fünffache Urgroßmutter. „In dem Alter nimmt man das nicht mehr so ernst“, kommentiert sie gelassen. Zumal es noch so viel anderes gibt, das Sharon Austin wichtig ist: ihr Beruf; ihre Frauengruppe, mit der sie singend und tanzend in Altersheimen und Kinderkliniken auftritt; ihre Kinder und Enkel, die sie im nördlichen Wisconsin besucht, wenn ihr in Arizona die Sommer zu lang und heiß werden; ihre Sammlung von Postern, Fotos und Platten von Elvis, den sie irgendwann einmal als junge Frau bei einem Auftritt erlebte, und der sie bald wieder beschäftigen wird – bei einer „Elvis-Spendenparty“ zugunsten von Alzheimer-Patienten.
Seit einem Jahr wohnt Sharon Austin zur Miete im ersten Sun City. Ihr Haus liegt gleich neben einem Golfplatz, manchmal findet sie Bälle in ihrer Rabatte.„Wenn ich morgens zum Fenster rausschaue, sehe ich sie alle golfen und walken. Es ist hier sauberer und ruhiger als sonstwo, es gibt viel weniger Kriminalität, und billiger lebt man auch. Alle hier sind in derselben Situation:Wenn einer eine Herzoperation hat, findet er mindestens drei im Bekanntenkreis, die aus eigener Erfahrung mit ihm darüber reden können. Ich vermisse hier nichts. Und wenn einer sagt, das sei ein Altenghetto, muss er nur auf die andere Seite der Straße gehen. Wir leben hier nicht am Ende der Welt.“
„Der einzige Nachteil ist, dass es hier so viele Alte gibt“, lautet ein altes Bonmot in Sun City. Aber selbst das ist veraltet. Die Bewohner von Sun City Grand haben vor kurzem entschieden, schon Menschen ab 45 Jahren Wohnrecht zu erteilen – soweit sie nicht mehr als 15 Prozent der Zuzüge ausmachen. Helena Gumina ist mit 94 Jahren mehr als doppelt so alt. Weil sie die Angewohnheit hat, die Menschen zur Begrüßung stets zu umarmen, statt ihnen lediglich die Hand zu geben, heißt sie in Sun City „Cutie“, zu Deutsch „Süße“. Stolz hat sie sich den Spitznamen auf ihr T-Shirt drucken lassen, das sie zum Nationalfeiertag am 4. Juli trägt. Heiraten will die alte Dame nicht mehr: „Ich vermute, ein Mann würde nicht damit klarkommen, dass ich auch andere Männer so gern umarme.“

(Text: Stefan Scheytt, Fotos: David Klammer)